Interview mit der Autorin Gabriela Kasperski

Gabriela KasperskiGariela Kasperski wurde in den Sechzigerjahren in Thalwil, einer Gemeinde am Zürichsee, geboren. Nach einem Anglistikstudium hat sie neben einer Reihe weiterer Tätigkeiten als Moderatorin beim Rundfunk und Fernsehen sowie als Theaterschauspielerin gearbeitet. Mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt sie in Zürich.

Gabriela, jetzt musst du mich als erstes einmal darüber aufklären, wie man sich bei euch in Zürich richtig begrüßt. Mit einem „Grüezi“, „Griezi“ oder „Grüesseich“? Oder einfach mit „Sali“ oder „Salü“?

    Das kommt drauf an, ob man sich siezt oder duzt. Beim Duzen ist es „Hoi“ oder Hallo, wie bei euch 🙂. „Sali“ sagen eher ältere Menschen, meine Mutter zum Beispiel. Beim Siezen ist es Grüezi, klar, allerdings hält auch da das Hallo Einzug. Die Umgangssprache ist wie überall in ständiger Veränderung. Außerdem ist es je nach Dialekt anders, Grüessich ist eher Berndeutsch, Griezi eher Baseldeutsch. Einfach kompliziert, wie überall.

Ui, ich merke schon, kompliziert ist noch untertrieben. Dann entscheide ich mich mal für ein unkompliziertes Hallo, das beide Seiten verstehen. In diesem Sinne sei ganz herzlich gegrüßt!
Es ist kein Geheimnis, dass du deine Urlaube seit vielen Jahren in Crozon, dem Hauptort der gleichnamigen Insel in der Bretagne, verbringst und gerne, wie du mir vorab schon verraten hast, auf den Markt in Camaret-sur-Mer gehst. In deinem letzten Kriminalroman Bretonisch mit Meerblick hast du dein Urlaubsziel zum Handlungsort gewählt, wobei du auch sehr deutlich auf die tückischen und gefährlichen Strömungen hingewiesen hast. Ich habe mich mal im Internet anhand verschiedener Quellen schlau gemacht und weiß nun, dass selbst geübte Schwimmer bei den starken Brandungsrückströmen keine Chance haben, wenn sie versuchen, gegen die Strömung anzuschwimmen. Die einzige Chance besteht wohl nur darin, seitlich aus einer dieser Unterströmungen heraus auszubrechen. Eine der Ursachen, so habe ich gelesen, ist der in der Bretagne enorm starke Tidenhub. Nun komme ich zu meiner ersten Frage: Bist du selbst schon einmal in die Nähe einer solchen Strömung geraten?

    Bretonisch mit Meerblick ist eine Fiktion, alles ist verdichtet. Die Gefährlichkeit der Strömungen ist nicht zu unterschätzen, aber an den Stränden, wo baden erlaubt ist, kann man das sehr entspannt tun. Man kann sehr gut schwimmen, wenn der Wellengang es zulässt, je geschützter die Bucht ist, desto besser. Ich schwimme praktisch jeden Tag einen Kilometer, bin eine Schwimmerin 🙂. An stürmischen Tagen wähle ich eine Bucht mit weniger Wellen. An den wenigen Stränden, wo die Strömungen auch in Ufernähe präsent sind, ist das signalisiert. Da gehen die Leute (außer die Surfer) meist nur rein zum Wellen-Springen, – also auf und ab hüpfen mit den Wellen – und bleiben nah beim Ufer. ABER es gilt: Immer aufmerksam sein, im Spiel verliert man die Uferlinie schnell aus den Augen. Einmal bin ich beim Schwimmen in eine leichte Strömung geraten. Es war unheimlich beeindruckend, buchstäblich. Du schwimmst und kommst nicht vorwärts, bleibst immer nur auf der Stelle. Es braucht viel Kraft, um daraus hinaus zu kommen. Was Tereza im Showdown leistet, ist top.

Das kann ich mir mittlerweile gut vorstellen. Dass du gerne und ausdauernd schwimmst, kann ich übrigens auch für mich reklamieren und ich kann nur zu gut nachvollziehen, dass es dich viel Kraft gekostet hat, der Strömung zu entkommen.
Wie entspannt kannst du als Mutter den Urlaub genießen, wenn eines deiner Kinder zum Baden ins Meer geht? Ist die Angst, dass sie den Urgewalten zum Opfer fallen könnten, nicht ständig präsent?

    Nein. Wie gesagt, die Strände sind meist sicher. Meine Söhne sind erwachsen, meine Tochter ist zwölf Jahre und eine sehr begabte Schwimmerin. Seit Jahren gehen sie zu dritt zum Surfunterricht. Da haben sie gelernt, auch auf dem Surfboard vorsichtig zu sein. Surfen lernen habe ich nie geschafft. Ist aber ein Ziel.

Die Begabung zum Schwimmen haben die Kinder wohl von der Mutter geerbt, worauf du sicher auch ein wenig stolz bist.
Welche Verbindung oder besser gesagt, welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen der Protagonistin Tereza Berger und dir, außer, dass beide in Zürich leben und in die Bretagne reisen?

    Es gibt die Figur und mich. Da gibt’s eine Schnittmenge, je nach Figur ist die größer oder kleiner. Bei allen Figuren, auch bei den fiesen. Hartnäckig sind wir beide, Tereza und ich. Organisiert-chaotisch. Unter einer Naturdusche habe ich auch schon gestanden, die Ente war mein erstes Auto. Grain de Sail, eine bretonische Schokolade, habe ich mit meiner Familie ausprobiert, wir haben uns durch alle Varianten gegessen. Fleur de Sel und Milch waren unsere Favoriten.

Organisiert-chaotisch… Ich glaube, von dieser Sorte Mensch gibt es eine Menge. Das gilt natürlich auch für die Vorliebe von Schokolade im Allgemeinen. Es gibt wohl nur sehr wenige, die keine Schokolade mögen.
Wie steht es mit deiner Empfänglichkeit für alte Sagen, wie die im Roman thematisierte Strömung Morwen?

    Ich bin Geschichtenerzählerin. Die Bretagne liebe ich als Gesamtpaket. Ozean, Landschaft, Menschen. Und Geschichten. Ich habe ein Faible für das Keltische, die Wiese von Lagatjar mit den Menhiren besuche ich jedes Jahr, ein Kraftort. Ich lese gerne keltische Sagen, ich mag Poesie und Fantastisches, immer in Verbindung zur Realität. Die Sage der Morwen habe ich erfunden. Ich freu mich schon, für Band zwei eine neue Sage zu erfinden.

Was deine Liebe zu Sagen anbelangt, muss ich gestehen, dass ich die nicht mit dir teile. Was aber nicht heißen soll, dass es mich im Roman gestört hätte.
Eine der Handlungspersonen, Vivienne, hat Tereza eine Aloe Vera haltige Salbe gegeben. Beruht die im Plot beschriebene heilende Wirkung auf eigenen Erfahrungen?

    Nein, die habe ich erzählt bekommen. Ich schwöre auf Wallwurz. Allerdings nicht bei offenen Wunden. Da nehme ich ganz normale Wundcreme.

Ich muss gestehen, noch nie etwas von Wallwurz gehört zu haben. Aber man lernt halt nie aus!
Bretonisch mit Meerblick ist inzwischen das vierte Buch, das ich von dir gelesen und besprochen habe. Bei allen Werken fällt auf, dass du deine Leser nicht nur gut unterhalten, sondern auch mit Informationen „füttern“ willst. In dem Krimi Nachtblau der See lässt du den Leser hinter die Kulissen einer Theaterbühne schauen, wobei du als Theaterschauspielerin auf fundiertes Wissen blicken kannst. Sicht Unsichtbar ist ebenfalls ein Krimi, bei dem du einen sich hinter einem Öko-Projekt verbergenden Giftmüllskandal aufdeckst. Schließlich wendest du dich mit dem Kinderbuch Einfach Yeshi an junge Leser und vermittelst ihnen Kenntnisse über die Arbeit einer Lektorin, die Aufgaben eines Dolmetschers und erklärst ihnen in einer für sie verständlichen Sprache schwierige Begriffe. Da würde mich grundsätzlich interessieren, ob zuerst das Grundgerüst einer Handlung steht und erst danach mit wissenswerten und passenden Informationen gefüllt wird, oder steht als erstes dein Wunsch im Vordergrund, dem Leser von dir recherchierte Zusammenhänge zu vermitteln, zu denen du dir erst im Nachhinein den Handlungsrahmen überlegst?

    Am Anfang steht die Geschichte, die Idee zu einer Geschichte.
    Bei Bretonisch mit Meerblick war das auslösende Moment, dass ich beim Joggen, du musst nämlich wissen, dass ich viel jogge, auf dem Küstenwanderweg vor lauter Ins-Meer-hinaus-schauen gestürzt bin und mir das Knie schlimm aufgeschlagen habe. Da wusste ich: Diese Verbindung von Meer, Licht und Schmerz… das will ich in eine Geschichte bringen. Ab da lief es, wie es bei mir fast immer läuft. Ich denke mir die Figuren aus. Daraus entsteht eine Handlung. Im Verlauf dieses Prozesses kommen die Themen dazu. In Bretonisch geht’s im Kern um ein charmant rückständiges Dorf, das sich einer neuen Zeit stellt. Um Frauenfragen, um Abwanderung der Jungen, um nachhaltigen Tourismus. Die Figuren stehen immer im Zentrum, egal, was ich schreibe. Das Thema kann sich im Verlauf des Schreibens auch ändern. Da ich nebst den Romanen viele Brotjobs im Schreibbereich mache, bleibt mir nicht so viel Zeit zum Recherchieren, wie ich das gerne hätte. Darum sind die Themen immer auch meine Themen. Ich könnte nichts schreiben, wo ich ein halbes Jahr nach Australien zum Recherchieren müsste.

Das klingt echt interessant, vor allem, dass sich das Thema während des Schreibens ändern kann. Und was die von dir angesprochenen Brotjobs anbelangt, muss ich zwischendurch auch mal sagen, dass du nicht nur vielseitig bist, da du ja unterschiedliche Genres bedienst, sondern dazu auch noch sehr fleißig. Ganz ehrlich – du scheinst eine echte Powerfrau zu sein!
Neben den bereits erwähnten Tätigkeiten als Moderatorin beim Rundfunk und Fernsehen sowie als Theaterschauspielerin hast du neben einer Vielzahl weiterer Aufgaben auch als Synchronbuchautorin gearbeitet. Du bist in der Filmbranche als Drehbuchautorin aktiv und bietest in Zürich einen Ferienkurs „Kreatives Schreiben“ an. Haben dich zu der Vermittlung „Kreatives Schreiben“ deine Kinder inspiriert? Haben sie Ambitionen, in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten?

    Ich arbeite sehr viel.

Sei mir nicht böse, wenn ich mir an dieser Stelle das Lachen kaum verkneifen kann. Immerhin hast du diese Erkenntnis auch, dass du ein Arbeitstier bist!

    Immer hat meine Arbeit mit Schreiben zu tun. Das ist ein Glück. Schreiben macht mich glücklich. Mit den Jahren habe ich Wissen gewonnen. Schon immer war ich gerne als Coach unterwegs, habe andere in ihrem Tun unterstützt. Daraus sind die Schreibkurse entstanden, die Geschichtenbäckerei, die ich zusammen mit meinem Mann, der als Kulturjournalist schreibt, betreibe. Die Kinder sind alle kreativ unterwegs. Mein ältester Sohn hat Literatur studiert und macht eine Ausbildung zum Filmemacher. Mein mittlerer Sohn studiert Psychologie und hat einen Krimi geschrieben. Meine Tochter malt, tanzt und singt.

Da darf man ja gespannt sein, ob es von deinen beiden Söhnen in der Zukunft auch etwas zu Lesen gibt. Und deine Tochter könnte gleich in verschiedenen Bereichen Karriere machen. Gib es ruhig zu, dass du stolz auf deine Kinder bist! 😉
Bleibt bei den vielen Terminen und dem Zeitdruck, der sicherlich auch manchmal erdrückend sein kann, überhaupt noch Zeit für Privates?

    Das Schreiben und die Familie, dazu jogge ich, weil das am einfachsten geht, und ich schwimme, weil ich das liebe, lese Bücher, schaue BBC, ab und zu gehe ich ins Kino. Zu mehr ist da nicht Platz.

In dem Punkt wird dir keiner unserer Leser widersprechen!
Wie ich gelesen habe, lebst und arbeitest du mit deiner Familie nicht nur in der Schweiz, sondern auch in England und der Bretagne. Wie sieht das praktisch aus? Gibt es drei Wohnungen, zwischen denen ihr pendelt? Und wenn ihr euch in der Bretagne aufhaltet, dann verbringst du dort nicht nur deinen Urlaub, sondern arbeitest auch?

    Unser ältester Sohn lebt in London. Den besuche ich so oft es geht, allerdings jetzt gerade nicht 🙁. London ist meine Wahlheimat Nummer zwei. Da schreibe ich in Cafés und Museumsshops. In die Bretagne fahren wir jeden Sommer. Da schreibe ich auf der Terrasse oder am Wohnzimmertisch. Die Presqu’île de Crozon ist meine Wahlheimat drei.

Drei Wahlheimate… Es gibt Menschen, die fühlen sich nicht einmal an einem Ort beheimatet.
Ich danke dir recht herzlich für deine Bereitschaft zu diesem Interview und… ja, wie verabschiede ich jetzt eine echte Schweizerin? Mit „Uf Wiederluege“ oder einfach nur mit „Ade“?

    Tschüss oder Tschau 🙂.
    Und grand Merci für dich, Beatrix. Dann ist auch noch etwas französisch dabei, denn das können wir in der Schweiz ja gut, weil es unsere zweite Landessprache ist
    🙂.

Bildquelle: Gabriela Kasperski

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