Interview mit der Autorin Margit Kruse

Margit KruseMargit Kruse ist 1957 in Gelsenkirchen geboren und damit ein echtes Kind des Ruhrgebiets. Die gelernte Bürokauffrau hat erst mit Mitte 40 mit dem Schreiben begonnen. Zunächst hat sie zahlreiche Beiträge in Anthologien veröffentlicht und mittlerweile hat sie sich mit den Revier-Krimis um ihre Ermittlerin Margareta Sommerfeld einen Namen gemacht. Ein Roman war sogar für den Literaturpreis Ruhr 2009 nominiert. Die Mutter eines Kindes, die sich auch schon über eine Enkelin freut, ist seit 2004 als freiberufliche Autorin tätig und ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller. Mit ihrem Mann und Hündin Enja, die selbstverständlich mit ihrem Frauchen auf Recherche-Tour geht, wohnt sie in Buer-Hassel.

Ich grüße dich, liebe Margit, kurz und schmerzlos mit einem Hallo, wie es bei uns im Ruhrgebiet heißt. Es freut mich, dass du die Zeit für ein Interview gefunden hast, denn immerhin sind auf unserer Webseite mittlerweile schon neun Rezensionen deiner Bücher zu finden. Wie unschwer zu erkennen ist, bist du in deinem Schreibeifer kaum zu bremsen und nicht auf ein bestimmtes Genre festgelegt. Du kannst, wenn ich das mal so sagen darf, gut zwischen den unterschiedlichen Richtungen hin- und herswitchen. In dem Band mit Kurzgeschichten Wer mordet schon im Hochsauerland? hast du auf nicht ganz ernst zu nehmende Weise reichlich morden lassen und Wert auf jede Menge Lokalkolorit gelegt. Man könnte schon sagen, dass das ein Markenzeichen von dir ist, denn diesem Motto bist zu durchweg treu geblieben, ob es in dem Band Wir Kinder der 60er und 70er Jahre – Aufgewachsen in Gelsenkirchen ist, in dem du von so außergewöhnlichen Dingen wie einem Löwenpark oder der weit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus bekannten Cranger Kirmes schreibst, oder auch in den liebevoll zusammengestellten Weihnachtsgeschichten aus dem Ruhrgebiet . Es ist wohl nicht falsch, wenn ich behaupte, dass es dir eine Herzensangelegenheit ist, Orte in unserem „Pott“ einer breiten Leserschaft vorzustellen, oder?

    Zuerst einmal ein herzliches Hallo zurück, liebe Beatrix. So viele Rezensionen sind es schon? Ich habe mich immer sehr über deine ausführlichen Besprechungen gefreut. Bei Wer mordet schon im Hochsauerland? musste ich mich, genau wie bei meinem Erstlingswerk Wir Kinder der 60er und 70er Jahre – Aufgewachsen in Gelsenkirchen , an die Auflagen der Verlage halten. Da war genau vorgegeben, wie was sein sollte. Bei den Krimihandlungen in „Wer mordet schon“, konnte ich den Plot schon frei bestimmen. Ich würde jedoch nicht sagen, dass die Morde nicht ganz ernst zu nehmen sind. Alle elf könnten sich tatsächlich so ereignet haben. An den Weihnachtsgeschichten aus dem Ruhrgebiet hänge ich ganz besonders, vor allem, weil so viel Wahres darin steckt. Es war im Erscheinungsjahr 2014 übrigens der Verlagsbestseller unter den Weihnachtsgeschichten und die relativ große Auflage ist fast weg. Ja, stimmt, es ist mir eine Herzensangelegenheit, anderen Menschen Orte im Pott vorzustellen, die mir besonders am Herzen liegen.

Bei den Weihnachtsgeschichten wurde auch ganz deutlich, dass von dir ganz viele Erinnerungen eingeflossen sind. Bei den Dingen, die dir am Herzen liegen scheint es sich ähnlich mit kritischen Themen zu verhalten, indem du beispielsweise das Schicksal von Obdachlosen aufgreifst. Oder du schreibst von übrig gebliebenen Elternteilen, die ihren Kindern nur noch zur Last fallen. An anderer Stelle beklagst du den gedankenlosen Umgang mit Plastiktüten. Immerhin machen sich einige Leser, ob bewusst oder unbewusst, im Nachhinein dazu Gedanken und sehen entweder einige Dinge mit anderen Augen oder verändern ihr Konsumverhalten. Sollte ein Autor auf derlei Missstände hinweisen?

    Margaretas Konsumverhalten oder wie sie zu bestimmten Dingen steht, ist zum größten Teil auch meine persönliche Einstellung, manchmal natürlich etwas überspitzt dargestellt. So meide ich zum Beispiel im Alltag Plastiktüten und habe ein Faible für Obdachlose. Ob ein Autor bewusst auf solche Missstände hinweisen sollte, kann ich jetzt gar nicht genau sagen.

Manche Dinge machen wir ja auch unbewusst, ganz intuitiv. Kommen wir mal zu deinem „Flaggschiff“, der im Ruhrgebiet angesiedelten Krimireihe um die Hobbyermittlerin Margareta Sommerfeld mit den Kommissaren Helmut Blauländer und Stefan Kornblum. Würdest du auch gerne, sollte sich die Gelegenheit bieten, deiner Protagonistin Margareta in detektivischer Hinsicht nacheifern? Ich muss gestehen, dass es mir bei der Lektüre schon passiert ist, dass ich dich im Geiste in der Person von Margareta Sommerfeld „gesehen“ habe.

    Nein, das wäre nicht mein Ding, mich in Mordermittlungen zu stürzen. Da bin ich ganz anders als Margareta, obwohl ich schon ganz viel von ihr habe. Ich wäre gerne mutiger. Vielleicht lebe ich das mit Margareta Sommerfeld aus. Stefan Kornblum ist allerdings seit dem Krimi Rosensalz Geschichte. In den letzten zwei bis drei Krimis hat Blauländer die tolle Jenny an seiner Seite.

Weißt du, was mir gerade spontan bei deiner Antwort, du wärest gerne mutiger einfiel? Das hat mich an den Regisseur Alfred Hitchcock erinnert, der zwar hochspannende Filme gedreht hat, selbst aber von sich behauptet hat, ein ängstlicher Mensch zu sein. Und genau wie er verzichtest du in deinen Büchern konsequent auf die Darstellung von Gewaltszenen. Trotzdem erschaffst du immer wieder einen Spannungsbogen und kannst deine Leser „bei der Stange“ halten. Und damit nicht genug: Du begeisterst darüber hinaus mit Ausdrücken, die den Leser schmunzeln lassen. Es ist eine dir eigene Kombination dieser Dinge, die die Faszination deines Schreibstils ausmacht.

    Ich finde, ein Krimi muss nicht besonders brutal und blutrünstig sein. Auch schließen sich Humor und Spannung nicht aus, finde ich. Ich lese die Krimis von Tatjana Kruse und Minck & Minck, bzw. Loretta Luchs, die ja ähnlich wie die Margareta-Krimis, mehr Komödien sind. Ich muss einfach beim Lesen auch mal lachen können und das ermögliche ich hoffentlich auch meinen Lesern.

Dein Erfolg gibt dir recht! In deinem letzten Buch Dunkle Geschichten aus dem Ruhrgebiet hast du zum ersten Mal auf reale Geschehnisse zurückgegriffen. Da haben nicht nur deine Handlungspersonen reale Vorbilder, wie du mir mal in einem Gespräch anvertraut hast, sondern hier geht es beispielsweise um einen Jahrzehnte zurückliegenden, nie aufgeklärten Mord oder das Schicksal von Kindern, die zu erzieherischen Zwecken stundenlang in einer dunklen Kammer ohne Fenster eingesperrt wurden. Wie bist du auf die Idee gekommen, dich auf die akribische Suche nach derlei Fällen zu machen? Und vor allem wie hast du es geschafft, für einige Geschichten auch noch Zeitzeugen aufzutreiben, die aus eigener Erfahrung berichten konnten?

    Dunkle Geschichten aus dem Ruhrgebiet , übrigens mit ganz vielen tollen Fotos, gehört zu einer Reihe mit knapp zwanzig Bänden aus verschiedenen Gegenden und Orten, die im Wartberg-Verlag erschienen ist. Ich durfte mir zwar die Themen der Geschichten aussuchen, ansonsten gab es auch hier genaue Vorgaben, wann die wahren Geschichten zu spielen haben usw. Ja, das war schon ganz viel Recherche-Arbeit und das Buch hat mehr Arbeit gemacht als ein Krimi mit vier Mal so vielen Seiten. Ich hatte aber ganz viel Hilfe: Bekannte aus dem Bergbau oder die, die sich in Friedhofsangelegenheiten auskannten, liebe Freunde aus einem Kindergarten, begeisterte Lost-Placec-Anhänger, eben ganz viele nette Menschen, die mir auch mit Fotos geholfen haben.

Und das haben die sicher alle gerne getan! In der Geschichte „Die Smorra kommt“ aus diesem Buch schreibst du von deinen ostpreußischen Wurzeln. Da der Bergbau auch in allem, was du geschrieben hast, präsent ist, könnte vermutet werden, dass deine Vorfahren wegen des Bergbaus ins Ruhrgebiet gekommen sind. Trifft das zu?

    Ja, meine Großeltern väterlicher- sowie auch mütterlicherseits stammen aus Ostpreußen und sind wegen der Arbeit auf der Zeche nach Gelsenkirchen gekommen. So bin ich ein echtes Zechenkind, denn auch mein Vater war auf der Zeche Graf Bismarck beschäftigt gewesen, bis diese in den sechziger Jahren schloss.

Da haben wir neben der Vorliebe zum Lesen und Schreiben noch eine Gemeinsamkeit, denn auch meine Großeltern kamen wegen des Bergbaus ins Ruhrgebiet. Ich weiß, dass du deine Handlungsorte immer selbst in Augenschein nimmst, um dir ein genaues Bild von dem machen zu können, worüber du schreibst. Nicht selten kehren deine Protagonisten in ein Lokal ein und lassen sich kulinarisch verwöhnen. Liege ich mit meiner Vermutung richtig, dass du auch in diesen Fällen den „Vorkoster“ spielst?

    Ja, natürlich spiele ich den Vorkoster und schaue mir Lokale, in denen Margareta & Co einkehren, genau an. Gute Recherchearbeit ist sehr wichtig. Oft stoße ich bei anderen Ruhrkrimis auf Dinge, die falsch sind. Da wird über Gelsenkirchen als Handlungsort geschrieben und der Autor weiß nicht mal, wo die Kommissare sitzen.

Da sprichst du mir aus der Seele, denn so etwas stößt mir auch sauer auf. Meine letzte Frage zielt darauf ab, worauf sich deine Leser in naher Zukunft freuen dürfen. Was ist in Planung? Gibt es noch etwas, das du gerne mal in Angriff nehmen würdest?

    Momentan schreibe ich am letzten Weihnachtskrimi für das Projekt „Advent, Advent, die Zeche brennt – 24 Weihnachtskrimis“, das im Oktober 2019 im Gmeiner-Verlag erscheinen wird. Ein richtig dickes Buch mit über dreihundert Seiten. Kurzkrimis von Äxten, Wummen, Gürteln, Gift und Wunschzetteln in den Straßen der Ruhrmetropole und auch im Sauerland. Es gibt auch ein Wiedersehen mit Margareta. Da konnte ich den siebten Margareta-Fall unter Vertrag bringen, der im Sommer 2020 erscheint und an meinem erfolgreichen Krimi Zechenbrand anschließen wird. Viele wahre Begebenheiten aus der Siedlung, in der ich wohne, werden mit einfließen. Also, Arbeit habe ich genug, zumal ich gesundheitlich eingeschränkt bin und nicht immer so kann wie ich will. Mein Kinderbuch würde ich gerne zu Ende schreiben und mich dann auch nochmal auf spezielle Weihnachtsgeschichten konzentrieren.

Auf dein erwähntes neues Projekt freue ich mich schon jetzt und wünsche dir weiterhin Spaß bei deinen Recherche-Touren sowie viele neue Leser!

    Vielen Dank, liebe Beatrix. Hat Spaß gemacht!

Bildquelle: Gmeiner Verlag

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