Corpus Delicti – Ein Prozess von Juli Zeh

Corpus Delicti - Ein ProzessIn der Mitte des 21. Jahrhunderts wurde der demokratische Staat von einem totalitären System abgelöst, das sich Methode nennt. Die Methode hat Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht gemacht und jeder Bürger ist gezwungen, täglich sportliche Aktivitäten auszuüben, um seinen Körper gesund zu erhalten, sowie verschiedene Maßnahmen wie Blutdruckmessung und Urintest durchzuführen. Im Rahmen einer Meldepflicht müssen Schlaf- und Ernährungsberichte eingereicht werden. Diese Bestimmungen werden vom Staat ständig überwacht und Verstöße werden bestraft. Die Ideologie, auf denen dieses System beruht, wurde von Heinrich Kramer mit seinem Werk „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ geschaffen.

Moritz Holl ist ein Freidenker, der sich nicht unbedingt an die vom Staat vorgegebenen Regeln hält. So nutzt er die Zentrale Partnerschaftsvermittlung, die er für die größte Puffmutter der Welt hält, um Frauen kennenzulernen, ohne jedoch eine Verpflichtung eingehen zu müssen. Nachdem er sich zu einem Blind Date mit Sibylle verabredet hat, findet er die Leiche der jungen Frau und verständigt die Polizei. Zwei Tage später wird er verhaftet, denn wie ein DNA-Test ergeben hat, wurde im Körper der vergewaltigten Frau sein Sperma gefunden, woraufhin alle weiteren Ermittlungen eingestellt werden.

Die dreißigjährige Biologin Mia Holl ist als Naturwissenschaftlerin von den Theorien der Methode überzeugt, doch glaubt sie auch an die Unschuld ihres Bruders. Als sie Moritz in der Untersuchungshaft besucht, schenkt der ihr seine ideale Geliebte, die er in seiner Fantasie erfunden hat. Doch würde Mia sein Geschenk noch zu schätzen lernen. „Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann“, sagt Moritz leise, und er bittet um eine Gegenleistung seiner Schwester, die ihm daraufhin eine durchsichtige Schnur durch die kleinen Löcher der trennenden Plexiglasscheibe schiebt.

Nach dem Tod von Moritz verlässt Mia ihre Wohnung nicht und geht auch nicht mehr zur Arbeit. Sie führt Gespräche mit der idealen Geliebten, die immer mehr Zweifel an dem System der Methode aufkommen lassen, wodurch sie auch ihre Bürgerpflichten vernachlässigt und die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zieht. Sie gerät in die Mühlen des Systems und weckt das Interesse des Ideologen Heinrich Kramer, der sie in ihrer Wohnung aufsucht.

Der Science-Fiction Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh zeichnet eine dystopische Zukunft in einem totalitären Staat, der für sich den Anspruch auf Unfehlbarkeit erhoben hat. Wobei dem Untertitel „Der Prozess“ eine doppelte Bedeutung zukommt, denn in der Handlung geht es zunächst einmal um den Gerichtsprozess gegen die Protagonistin Mia Holl, aber auch um einen Prozess der inneren Wandlung, den sie durchläuft, und in dessen Verlauf sie von einer Befürworterin zu einer Gegnerin der Methode wird. Die Autorin hat in ihrem Roman, der bereits im Jahr 2009 erschienen ist, eine gesellschaftliche Entwicklung zu Ende gedacht, die sich aktuell während der Coronavirus-Pandemie abzeichnet und in der die Regierenden die Grundrechte der Bürger massiv einschränken. Unter dem Vorwand, übertragbare Krankheiten zu verhüten und zu bekämpfen, wurde ein Infektionsschutzgesetz verabschiedet, das quasi alle bürgerlichen Rechte außer Kraft setzen kann. Doch genau vor einer solchen gesellschaftlichen Entwicklung will Juli Zeh mit ihrem Buch warnen. Denn während sich in dem Roman erste Gruppen gegen das System auflehnen und Medienvertreter Diskussionen über mögliche Reformen fordern, werden hierzulande Einschränkungen der bürgerlichen Freiheit kritiklos hingenommen und einfach als notwendig erachtet. „Corpus Delicti – Der Prozess“ ist zugleich ein spannender und aufwühlender Science-Fiction Roman, denn obwohl der Plot in der nahen Zukunft angelegt ist, wirkt er durch die aktuellen Ereignisse sehr realitätsnah und stimmt nachdenklich.

Corpus Delicti – Ein Prozess von Juli Zeh

Corpus Delicti - Ein Prozess
btb Verlag 2010
Taschenbuch
272 Seiten
ISBN 978-3-442-74066-6

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Bildquelle: btb Verlag


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