
Der Moment, der alles verändert
Nachdem sein Freund Dave ihn in seiner Garage gefragt hat „Lebst du wirklich das, wofür du brennst?“, konnte Ben ihm auf diese simple Frage keine Antwort geben, doch sein Schweigen war Antwort genug, für Dave und letztendlich auch für ihn. Sein Feuer war schon lange erloschen, denn seit Jahren setzte er seine Lebensenergie für eine Firma ein, deren einzige Ziele aus mehr Umsatz und mehr Gewinn bestehen. Die Firma frisst ihn auf, er funktioniert, aber er lebt nicht mehr.
Zum ersten Mal seit Jahren blickt es sich bewusst in seiner Garage um: Da war das Surfbrett, mit dem er auf Hawaii, an der Nordsee und am Atlantik die Wellen ritt, seine Gitarre, die ihn fünfzehn Jahre zu unvergesslichen Abenden am Lagerfeuer begleitete und die alten französischen Kochtöpfe, mit denen er an unzähligen Wochenenden für seine Freunde kochte.




Wer sonst sprechende Tiere nur aus einer Fabel kennt, der wird mit der Erzählung Hundert Himmel von Astrid Ruppert eines Besseren belehrt: Der Zilpzalp Zio wird von seinen Freunden Zack und Zett für eine nächste Flugstunde abgeholt. Doch Zio, der noch nie das Gefühl hatte, zum Schwarm dazuzugehören, möchte wie sonst viel lieber auf seinem Ast in der Buche sitzen bleiben und die schöne Frühlingswelt betrachten. Während die anderen Zilpzalpe aufbrechen, ist Zio vom Gesang eines Rotkehlchens fasziniert, da er selbst wie alle seine Artgenossen lediglich ein Zilp und Zalp zustande bringt. Deshalb übt er fleißig, bis er zunächst nur einzelne neue Töne und schließlich ein ganzes Lied zwitschern kann.
Wer das Buch Gespenster zählen in Händen hält, dem fällt zunächst ein ungewöhnliches Format auf. Beim Aufschlagen der ersten Seiten wird deutlich, dass es sich bei dem Werk um etwas völlig anderes handeln muss, denn durchgängig finden sich auf der linken Buchseite Fotografien und lediglich auf den rechten Seiten Texte. Jeder dieser von Martin Peichl verfassten Texte erzählt von einem anderen Sachverhalt, steht also für sich, obschon immer derselbe namenlose Ich-Erzähler von seinem Leben berichtet.
Fluch und Segen: In der Vorstellung der Menschen, die noch nie im Homeoffice gearbeitet haben, stellt diese Form meist etwas Erstrebenswertes dar, während sich die davon Betroffenen häufig zurück in einen geregelten Berufsalltag sehnen. Mark Spörrle gibt in seinem Buch Unten ohne Geschichten aus dem Homeoffice zum Besten. Der Ich-Erzähler ist mit Lizzy verheiratet, die sich als berufstätige Frau natürlich auch im Homeoffice befindet. Aber erst in diesen krisengeschüttelten Zeiten macht das Ehepaar eine ganz neue Erfahrung, nämlich dass sie sich den ganzen Tag kaum aus dem Weg gehen können. Als Lizzy eines Tages ebenfalls ganz dringend auf ein Arbeitszimmer in der gemeinsamen Wohnung angewiesen ist, macht sich niemand mehr über einen Börsentrader lustig, dem nur die Stockbetten seiner Kinder als Platz für eine Videokonferenz zur Verfügung standen.
Das Buch Und wie wir hassen! ist eine Anthologie mit Hetzreden, die an Absurdität und Eigentümlichkeit kaum zu überbieten sind, für das die Herausgeberin Lydia Haider fünfzehn Autorinnen gewinnen konnte. In zwei Geschichten werden ohne erkennbaren Zusammenhang Dinge benannt, gegen die eine Person abgrundtiefen Hass empfindet. Jemand stellt in einem Brief an eine Jury mit Bedauern fest, dass die Erwartungen des Literaturgerichts nicht erfüllt werden können, während jemand anderes einen Brief von einer Person erhält, die sich für ein Genie hält. Eine Mutter verachtet ihren mittlerweile zwanzigjährigen Sohn zutiefst, einem Tagebuch wird all das anvertraut, was dem Schreiber missfällt, und in Gedichtform macht ein Mensch in vier Teilstücken, die sich über das Buch erstrecken, auf die Ungerechtigkeiten in dieser Welt aufmerksam.
Ein junges Paar verbringt einige Tage in Las Vegas. Noch berauscht vom letzten Abend wacht Lisa in einem Hotelzimmer auf. Es fällt ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie erinnert sich daran, Mojito getrunken zu haben, aber auch daran, dass sie nicht so viel trinken wollte, da sie mit ihrem Freund nach Hause fliegen muss. Doch wo bleibt Tom? Ihr Reisepass scheint auch nicht im Zimmer zu sein. Sie kann kaum aufstehen und ihr fehlen zwölf Stunden, die einfach aus ihrem Gedächtnis gelöscht sind. Irgendjemand muss Drogen in ihren Drink gemischt haben. Hat Tom ihr die Drogen untergemischt? Sie muss sich aufraffen und ihn finden. Hat er das Geld für den Rückflug verspielt? Oder ist er bei einer anderen? Immerhin hat er sie schon einmal betrogen. Nach ihrer ergebnislosen Suche stellt sie mit Entsetzen fest, dass ihr nur noch dreißig Minuten zum Packen und Duschen bleiben, bevor sie sich auf den Weg zum Flughafen machen muss.