
Konfirmationen, Kirchenfreizeiten und unerfüllte Liebe
In ihrem Buch Ruhrgebiet – Taubengurren und Kohlenhaufen präsentiert Margit Kruse zwölf Geschichten und Anekdoten, die allesamt im Ruhrgebiet angesiedelt sind.
Da geht es um die Vorbereitungen für Karins Konfirmation, die mit dem Nähen eines Kleides, das so gar nicht ihrem Geschmack entsprach, lange vor dem großen Tag begannen und in der völligen Erschöpfung der Mutter endeten. Petra freute sich auf die Kirchenfreizeit mit Sabine und dachte nicht daran, auf ein deutlich jüngeres Mädchen aufzupassen – sie wollte lieber ihre ersten Lungenzüge ausprobieren.
Während Matthias seinen Vater nicht aus der Kneipe bekommt, obwohl die Mutter zu Hause vergeblich mit dem Mittagessen wartet, findet in einer anderen Geschichte die Liebe von Paul zu Lydia ein trauriges Ende. Nur weil er nicht der „richtigen“ Konfession angehörte. Obwohl Lydia volljährig ist, fehlt ihr die Kraft, sich gegen ihre Eltern zu stellen.
Klosterträume, alte Kinderbücher und Krankenhaus‑Aschenputtel
Für Klaus‑Dieter geht ein Traum in Erfüllung, als ihm seine Familie zu Weihnachten einen Gutschein für drei Tage im Zisterzienserkloster im Bochumer Stadtteil Stiepel schenkt.
Wilhelmine wiederum kann kaum glauben, wie spannend ein über sechzig Jahre verwahrtes Kinderbuch von Heinrich Maria Denneborg noch immer ist.
Fast unverschämt erscheint es, wie Maria während ihres Krankenhauspraktikums anstelle lehrreicher Tätigkeiten nur niedere Arbeiten verrichten musste – ganz wie Aschenputtel.
Und hätten Gaby, Monika, Udo und Johannes es mit ihren Späßen nicht übertrieben, hätten sie sich auch nicht vor dem unfreundlichen Besitzer eines Verkaufskiosks in Sicherheit bringen müssen.
Hundeleben, Schloss Lembeck und die legendäre Horli
Dass Hundeleben nicht gleich Hundeleben ist, zeigt die Autorin anhand von Waldi, Bobby und Amor.
Dem Schloss Lembeck setzt sie ein kleines Denkmal: Über viele Jahre führte das Ehepaar Selting nicht nur Restaurant und Hotel, sondern auch eine Diskothek im Kellergewölbe. Aus Gründen, die im Buch erläutert werden, musste diese schließlich schließen.
Nicht mehr existent ist auch die „Horli“, die in den 1960er‑ und 70er‑Jahren populäre „Horster Limonade“, die Wilhelm Lindemann auf den Markt brachte. Die fünfundsiebzigjährige Liane Niemeier, die in der Produktion arbeitete, erinnert sich noch heute gerne daran.
Ein Blick in die eigene Familiengeschichte
In einer Geschichte plaudert Margit Kruse sogar aus dem Nähkästchen: Ihre Mutter verzichtete für die Eheschließung auf ihre Karriere als Geigerin – damals ein üblicher Weg für Frauen. Doch dass die Geige später im Keller ein trauriges Ende fand, traf sie sehr.
Die Autorin erinnert sich außerdem daran, wie sie als Kind immer wieder Geschichten über Zechenunglücke wie Schlagwetterexplosionen und Grubenbrände hörte. Schon früh zeigte sich ihre „blutrünstige Ader“, die später in ihren Kriminalromanen Ausdruck fand – denn als Kind stach sie ihrem schlafenden Vater eine Stopfnadel in die Wade.
Ein Ruhrgebiet, das es so nicht mehr gibt
Ruhrgebiet – Taubengurren und Kohlenhaufen entführt die Leser in frühere Zeiten:
- als Frauen noch Kittel trugen
- als Eckkneipen das Stadtbild prägten
- als Anschreiben in Geschäften üblich war
- als Wasserspülkästen hoch oben hingen
- als Briefträger am Zahltag vielerorts einen „Kurzen“ bekamen
- als man sich in der verrauchten Wartehalle am Busbahnhof in Gelsenkirchen‑Buer kaum Luft verschaffen konnte
Die zwölf Geschichten, reich an Lokalkolorit und Hintergrundinformationen zu den beschriebenen Orten, eignen sich hervorragend für die dunkle Jahreszeit – zum gedanklichen Abtauchen in alte Zeiten und zum Träumen.
Ruhrgebiet – Taubengurren und Kohlenhaufen von Margit Kruse

Wartberg Verlag 2023
Hardcover
80 Seiten
ISBN 978-3-8313-3375-2