
Rückkehr in eine Vergangenheit voller Fragen
Im Mittelpunkt des Kriminalromans Am helllichten Tag* von Peter Probst steht die junge Journalistin Antonia Papin, kurz Toni genannt, die vor einigen Jahren ihre Heimatstadt Pirmasens verlassen und sich inzwischen ein neues Leben in München aufgebaut hat. Als sie eines Nachts von einem Anruf des Städtischen Krankenhauses Pirmasens aus dem Schlaf gerissen wird, teilt ihr eine weibliche Stimme mit, dass es ihrem Vater nicht gut geht. Sie macht sich sofort auf den Weg nach Pirmasens, doch als sie im Krankenhaus eintrifft, ist ihr Vater bereits verstorben. Toni macht sich Vorwürfe, weil sie in den letzten Tagen mehrere Anrufe ihres Vaters ignoriert hat.
Ein rätselhafter Brief und eine alte Schuld
In ihrem Elternhaus findet sie im Nachlass ihres Vaters Unterlagen, in denen er bereits alles für seinen Todesfall geregelt hat, sowie einen rätselhaften Brief, in dem er eine jahrzehntealte Schuld andeutet. Erst allmählich wird Toni klar, dass die Andeutungen mit einer Serie verschwundener Kinder in den 1960er‑Jahren zusammenhängen – Verbrechen, die nie aufgeklärt wurden und bis heute einen dunklen Schatten auf die Stadt werfen. Von ihrer journalistischen Neugier getrieben beginnt Toni zu recherchieren. Sie spricht mit Zeitzeugen, wertet Zeitungsartikel und alte Dokumente aus und stößt dabei auf ein Geflecht aus Schweigen, Verdrängung und Angst. Einige Menschen, mit denen sie spricht, scheinen mehr zu wissen, als sie preisgeben wollen. Gleichzeitig muss Toni sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen und der Frage nachgehen, welche Rolle ihr Vater tatsächlich bei den damaligen Ereignissen spielte.
Atmosphärische Ermittlungen in einer Stadt voller Narben
Mit Am helllichten Tag* legt Peter Probst einen atmosphärischen Kriminalroman vor, der einen fiktiven Fall eng mit einem realen, bis heute ungeklärten Verbrechen verbindet. Schauplatz ist die pfälzische Stadt Pirmasens, deren Vergangenheit als Zentrum der deutschen Schuhindustrie ebenso wichtig für die Handlung ist wie die realen, ungelösten Fälle der verschwundenen Kinder. Der Autor schildert die Ereignisse in einem ruhigen, aber kontinuierlich spannungssteigernden Stil. Weniger spektakuläre Action als vielmehr sorgfältige Ermittlungen, glaubwürdige Figuren und psychologische Tiefe prägen die Geschichte. Die wirtschaftliche Blütezeit der Schuhindustrie, ihr Niedergang und die enge soziale Struktur einer Kleinstadt beeinflussen das Verhalten der Figuren und verleihen der Geschichte eine hohe Glaubwürdigkeit.
Fiktion und Realität im Spiegel der Erinnerung
Besonders bemerkenswert ist die Verbindung von Fiktion mit historischen Ereignissen. Der Roman greift das tatsächlich ungeklärte Verschwinden von drei Kindern in den 1960er‑Jahren in Pirmasens auf und entwickelt daraus eine eigenständige Kriminalgeschichte. Dadurch entsteht ein Plot, der nicht nur Spannung erzeugt, sondern auch Fragen nach Verantwortung, Erinnerungskultur und den Folgen verborgener Wahrheiten aufwirft. Am helllichten Tag* ist somit weit mehr als ein klassischer Ermittlungsroman. Es ist eine Geschichte über Familiengeheimnisse, die Macht der Vergangenheit und die schwierige Suche nach Wahrheit. Wer atmosphärische Kriminalromane mit historischem Bezug und psychologischem Tiefgang schätzt, findet hier eine ebenso spannende wie nachdenklich stimmende Lektüre.
Am helllichten Tag von Peter Probst

Heyne Verlag 2026
Klappenbroschur
336 Seiten
ISBN 978-3-453-27564-5