
Ein Sommer an der Côte d’Azur und seine Folgen
Im Jahr 1961 teilt sich Ulrike anlässlich eines Sprachkurses mit der aus Istanbul stammenden Liya ein Zimmer an der Côte d’Azur. Die beiden lernen Arthur aus Bochum kennen und folgen seinem Angebot zu einer Party. Wieder zurück bei ihren Eltern in Bonn stellt Ulrike fest, dass sie schwanger ist, denn in ihrer Erinnerung weiß sie nur, mit Arthur in der Villa getanzt zu haben. In Bochum konfrontieren ihre Eltern Arthurs Mutter mit der Schwangerschaft, doch schlägt diese den Besuchern die Tür vor der Nase zu, da ihr Sohn längst verheiratet ist.
Eine erzwungene Ehe und ein Leben ohne Nähe
Ulrike wird von ihren Eltern zur Hochzeit mit Wolfgang genötigt, der im Bundesministerium für Verteidigung arbeitet und aus gutem Grund in die Ehe eingewilligt hat. Die Eltern richten dem Paar eine Wohnung ein, und obwohl sich der ordnungsliebende Wolfgang liebevoll um die kleine Barbara kümmert, unterbindet er barsch jede Berührung seiner Frau, die eines Tages ihren Augen kaum trauen will.
Istanbul, neue Wege und ein zweites Kind
Während Ulrikes Eltern die sieben Monate alte Tochter Barbara hüten, besucht diese ihre jüdische Freundin Liya in Istanbul, wo ihr deren Cousin Adem die Stadt zeigt. Gegen den Willen ihrer Eltern trennt sich Ulrike von Wolfgang, holt Barbara zu sich nach Istanbul und freut sich mit Adem über die Geburt des Sohnes Danyal. Als Adem im Jahr 1967 wegen eines Krieges zwischen Israel und Ägypten (Sechstagekrieg um den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel) beruflich immer mehr eingespannt ist, sucht Ulrike Trost im Whiskey.
Rückkehr nach Deutschland und ein neues Familiengefüge
Im Jahr darauf ziehen Ulrike und Adem mit den Kindern nach Deutschland, wo Barbara aufwächst und später Charly zur Welt bringt. Als Enkelin von Ulrike besucht diese im Jahr 2018 ihre im Sterben liegende Großmutter im Krankenhaus. Charly, die an ihrer Masterarbeit schreibt, kümmert sich mit ihrer Mutter Barbara um den Nachlass in der einem Altenheim angegliederten Einzimmerwohnung, wobei sie lediglich an Erinnerungsstücken und alten Fotos interessiert sind. Zur Überraschung von Charly hat sie einen Onkel, den ihre Mutter Barbara lange Jahre nicht mehr gesehen hat und den sie wegen seines Erbteils aufzufinden hofft.
Ein Debütroman voller Atmosphären und Ortswechsel
Jennifer Segebrecht beginnt ihren Debütroman Muttertage* mit dem Besuch von Charly bei ihrer Großmutter, deren Darminfektion falsch behandelt wurde und die bald sterben wird. Im steten Wechsel ist von den Ereignissen in Bonn oder Köln sowie von Istanbul und auch Tel Aviv die Rede, wobei die Autorin die Orte, das Treiben und Leben sowie die Atmosphären anschaulich beschrieben hat.
Charlys Schuldgefühle und die Last der Vergangenheit
Während Charly in der Ich-Form berichtet, ist alles andere im Erzählstil geschrieben. Wenn Charly ihre Mutter besucht, sprechen sie unweigerlich über deren Mutter beziehungsweise ihre Großmutter, wobei Charly bei jedem Besuch undefinierbare Schuldgefühle hat. Sie versteht nicht, warum ihre Mutter von der Großmutter nichts mehr wissen wollte und kann ihre sie irritierenden Gedanken nicht einordnen.
Barbara zwischen Entwurzelung und inneren Rückzugsorten
Im Handlungsverlauf wird allerdings auch deutlich, dass sich Barbara entwurzelt fühlt, nachdem sie aus Istanbul, an dem ihr Herz hängt, in eine ihr fremde Welt nach Deutschland kam, worauf ein weiterer Umzug aufs Land erfolgte. In der Schule verzichtet sie deshalb auf das Eingehen von Freundschaften, da diese sowieso nicht von Dauer sind. Sie igelt sich zunehmend ein, und nur in ihrem Kopf existiert der Raum mit einer Holzhütte im Garten von Istanbul, den niemand kennt. Dass ihr Bruder Danyal auf Abwege geriet, muss sie erst verarbeiten.
Ulrikes Einsamkeit und zerstörte Hoffnungen
Am Anfang steht die unerwünschte Schwangerschaft von Ulrike, die sich an der Seite ihres ungeliebten Ehemannes Wolfgang so einsam wie noch nie in ihrem Leben gefühlt hat. Um ungestört weinen zu können, lässt sie das Wasser der Dusche laufen, und das spätere „Hochgefühl des neuen Anfangs hatte ihr bleibende Erfüllung vorgegaukelt“, denn auch diese Hoffnung wurde eines Tages jäh zerstört.
Der Schmetterlingseffekt über drei Generationen
Der von Jennifer Segebrecht mit sparsamer wörtlicher Rede ausgestattete Roman Muttertage* verdeutlicht den von dem Meteorologen Edward Lorenz geprägten Schmetterlingseffekt, wobei im vorliegenden Fall die kleine „Panne“ der Schwangerschaft unvorhergesehene Auswirkungen sogar auf die nächsten Generationen hat. Denn auch Ulrikes Enkelin Charly ist in einer Beziehung mit Oliver, einem Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, die nicht ohne Probleme ist. Der Roman lässt den Leser in die Gefühlswelt der drei Protagonistinnen eintauchen, die Momente erleben, die sich als Sinn des Lebens verkleiden. Ein literarischer Hochgenuss!
Muttertage von Jennifer Segebrecht

Verlag Pfaueninsel 2026
Hardcover mit Schutzumschlag
272 Seiten
ISBN 978-3-69131-024-5