
Ein Roman zwischen Tradition und Identität
In ihrem von Agnes Krup übersetzten Erstlingswerk Die Stimmen der Nacht* schreibt die aus Nigeria stammende Tochi Eze über Sitten und Gebräuche der Ndi Igbo, einer ethnischen Gruppe aus Nigeria. Dabei hebt sie die Suche der Menschen nach nationaler Identität hervor, die nach drei Jahrzehnten Militärdiktatur im Oktober 1960 endlich die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangten.
Ahnen, Geheimnisse und die Götter von Umumilo
In dieser Zeit verliebte sich Ben Fletcher in Margaret. Bereits im zweiten Kapitel und im weiteren Verlauf wechselt die Erzählung immer wieder zu ihren Ahnen des Jahres 1905: Im Dorf Umumilo kann man sich zunächst nicht erklären, wie die Jungfrauen Adaora, Nneka und Priscilla schwanger wurden. Bei der Auflösung dieses Rätsels spielen die Landstreicher Derek und Olisa eine tragende Rolle, während man letztlich auf das Urteil der Götter – vor allem Gott Agwu – vertraut. Zur Untersuchung reisen der britische Konsul Mr. Walter und Übersetzer Bassey an.
Bens Suche nach Herkunft und Wahrheit
Ebenfalls in nicht chronologischer Reihenfolge erfährt der Leser, dass Ben nach Umumilo in Lagos möchte, den Geburtsort seines Vaters, um dort nach seinen Wurzeln zu suchen. Durch seine Lebensgefährtin Cynthia, Geschäftsfrau und Tochter eines reichen Bankiers, lernt er Margaret kennen, die ihm als persönliche Assistentin zugewiesen wird. Trotz aller Mahnungen heiraten die beiden nach kurzer Zeit und bekommen Tochter Nwando. Ben verlässt die Familie jedoch und lebt später in Ghana und London, wo er insgesamt dreimal verheiratet sein wird. Jahre später, nach einem Herzinfarkt, bedauert er, seinen vierzehnjährigen Enkel Chuka nie gesehen zu haben.
Margarets Angst, Fluch und Zusammenbruch
Margaret zieht in eine streng bewachte Wohnanlage aus Reihenhäusern. Sie fühlt sich verfolgt von Wesen, die nur sie sieht – eine Strafe der Götter, weil sie durch die Eheschließung mit Ben deren Vorgaben missachtet habe. Sogar Gott erscheint ihr auf dem Sofa sitzend. Als Margaret ihre kinderlose Nachbarin Yetunde angreift, schreitet Haushaltshilfe Tina ein.
Mit Entsetzen erkennt Margaret, dass sie seit längerer Zeit von ihrer Tochter Nwando betäubt wird. Vergeblich versucht sie, ihr den angeblichen Familienfluch zu erklären. Auch bei Therapeutin Mary Pryce fühlt sie sich unverstanden. Obwohl Margaret sich nicht für verrückt hält, fesselt man sie mit der Diagnose Hysterie und später Schizophrenie ans Bett und verabreicht ihr weiterhin Medikamente.
Verwickelte Familienlinien und verborgene Wahrheiten
Während der Lektüre muss sich der Leser stark auf die Familienstrukturen konzentrieren: Wen Okolo heiraten wollte und tatsächlich heiratete, wen er adoptierte, wer Margarets Großmutter ist und wer ihr leiblicher oder aufziehender Vater. Ähnliches gilt für Ben, dessen Großmutter eine der Jungfrauen war, die von einem Landstreicher ein Kind erwartete. Diese Zusammenhänge erschließen sich erst nach und nach, etwa nach einem Drittel des Romans.
Sprache, Kultur und die Welt der Ndi Igbo
Unklar bleibt, was das angehängte „‑o“ bedeutet, das vielen Wörtern folgt, ebenso die Buchstabenfolgen „ke“ oder „jare“ hinter einem Komma. Vermutlich hängen sie mit der Sprache der Ndi Igbo zusammen, zu der die Autorin immer wieder Beispiele mit Übersetzung anführt. Sie beschreibt landestypische Speisen, Götter und die Einteilung der Zeit in Marktwochen.
Erzählkunst voller Bilder und Mythen
Tochi Eze nutzt ungewöhnliche Vergleiche wie „Kaurischnecken an den Ufern des Uchu“ für wohlgeformte Zähne oder die Bedeutung von Familie als Packen Steine auf dem Rücken. Sie erzählt auf mehreren Zeitebenen und verwebt selbst innerhalb der Geschichte von 1905 noch eine weitere aus dem Jahr 1870 über das Leben des Landstreichers Olisa.
Aberglaube, Religion und ein offenes Ende
Über den Aberglauben vieler Naturvölker mag man geteilter Meinung sein, doch auch das Christentum kennt unerklärliche Elemente wie die unbefleckte Empfängnis oder die Wandlung der Hostie. Der anspruchsvoll geschriebene Roman endet offen und lässt den Leser mit unbeantworteten Fragen zurück.
Die Stimmen der Nacht von Tochi Eze

Übersetzung von Agnes Krup
Verlag Pfaueninsel 2026
Hardcover mit Schutzumschlag
352 Seiten
ISBN 978-3-69131-009-2