
Ein Buch, zwei Richtungen
Wer das Kinderbuch Guten Morgen – Gute Nacht* in Händen hält, bemerkt sofort, dass es sich um ein außergewöhnliches Wendebuch handelt, das schon allein deshalb neugierig macht. Die darin enthaltene Geschichte beschreibt den Rhythmus eines Tages und einer Nacht, wobei jeden Morgen die Sonne aufgeht, abends untergeht und vom aufgehenden Mond abgelöst wird.
Der Beginn eines neuen Tages
Johanna Schaible zeigt bereits auf der ersten Doppelseite eine künstlerische Illustration mit einer farbenprächtig aufgehenden Sonne. Im Vordergrund verlässt eine Reihe von Vögeln einen Ast gen Himmel, was Lust auf einen neuen Tag macht. Beim Umblättern entdeckt der Betrachter zwei Kinder, die auf einem Balkon stehen und über dem Meer die aufgehende Sonne beobachten – für sie wie für alle Menschen auf der Welt beginnt ein neuer Tag.
Orte voller Leben – Orte voller Ruhe
Ganz egal, wohin wir kommen oder wohin wir gehen: Wir können an laute und hektische Orte gelangen oder an stille und ruhige. Das zeigt eine Szene inmitten einer Großstadt mit Hochhäusern ebenso wie eine Darstellung der von Bäumen und Felsen durchsetzten Natur. Ein Winterbild mit rodelnden Kindern unter strahlend blauem Himmel symbolisiert die Sonne, die uns in der Kälte guttut. Das Pendant dazu zeigt Ziegen, die im Schatten eines Baumes Schutz vor der Sonne suchen.
Helle Tage, dunkle Tage
Voller Freude tummeln sich Kinder in einem von riesigen Steinen unterbrochenen Fluss oder See an einem heiteren Tag – wohl wissend, dass es auch dunkle Tage gibt, die dunkel wie die Nacht sind. Diese werden mit dunklen Farben dargestellt und wirken auf den Betrachter fast schon beklemmend. Kleine Kinder werden beim Vorlesen an dieser Stelle mit der Tatsache konfrontiert, dass die Erde um die Sonne kreist und nur so ein neuer Tag entstehen kann, bevor er sich dem Ende neigt. Einprägsame Illustrationen verdeutlichen dies.
Der Übergang zur Nacht
Am Ufer eines Gewässers sitzt eine Mutter mit zwei Kindern, die auf den Strand und das Wasser sehen – und dann … Ist das Buch schon zu Ende? Nein. Versucht man an dieser Stelle umzublättern, muss der komplette Buchrücken umgeklappt werden, um zum zweiten Teil zu gelangen: Gute Nacht. Vor einer Landschaft mit Störchen erscheint der Mond, denn wenn die Nacht einbricht, kehren zumindest die meisten Menschen heim. Auch die beiden Kinder vom Anfang der Geschichte sitzen zu Hause und spielen auf dem Fußboden, während durch das Fenster die Sterne leuchten.
Nächte voller Arbeit, Nächte voller Träume
Selbst in der Nacht gehen nicht alle Menschen sofort schlafen, denn einige müssen wach bleiben und arbeiten – wie das Bild mit drei Baggern bei Flutlicht zeigt. Wie zuvor die Erde um die Sonne, kreist nun der Mond um die Erde, was eine erwachsene Person einem Kind demonstriert, das sie auf dem Arm hält. Bei Vollmond erhellt dieser die Dunkelheit, und während wir schlafen und die Augen schließen, nehmen unsere Träume uns mit auf eine Reise zu Orten, die nur wir entdecken: vielleicht zu Eisbären oder Alpakas. Schließlich müssen wir uns vom Mond verabschieden, der hinter den Häusern verschwindet, denn ein neuer Tag bricht an.
Ein Buch voller Ruhe und Kraft
Das von Johanna Schaible bemerkenswert und innovativ gestaltete Kinderbuch ist eine wirkliche Augenweide und richtet sich an Kinder ab einem Alter von vier Jahren. Die wenigen Zeilen Text, die sich auf jeder Seite befinden, könnten in kürzester Zeit gelesen werden – doch es geht bei diesem Buch um die Kraft der Bilder, die wie auf dem Cover eine himmlische Ruhe ausströmen. Wenn Erwachsene mit einem Kind Guten Morgen – Gute Nacht* vor dem Zubettgehen anschauen, können sie den vergangenen Tag mit eigenen Worten noch einmal Revue passieren lassen, sodass das Kind einen guten Übergang in den Schlafmodus findet.
Guten Morgen – Gute Nacht von Johanna Schaible

Carl Hanser Verlag 2026
Hardcover
56 Seiten
ISBN 978-3-446-28743-3