
Eisensteins schillernde Persönlichkeit
Mit der Romanbiografie Eisen* widmet sich Gusel Jachina einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Filmgeschichte. Im Mittelpunkt steht der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein, dessen Leben zwischen künstlerischem Genie, politischer Vereinnahmung und persönlicher Zerrissenheit verläuft. Dabei verbindet die Autorin historische Fakten mit literarischer Fiktion – ein besonderer Reiz des Romans, der zugleich kritische Fragen aufwirft.
Aufbruchsjahre der Sowjetunion
Die Handlung setzt im Jahr 1924 ein, als die junge Sowjetunion sich in einer Phase des Aufbruchs befindet. Nach Revolution und Bürgerkrieg soll eine neue Gesellschaft entstehen, und der Film entwickelt sich zu einem der wichtigsten Mittel, um die Bevölkerung zu erreichen.
Sergej Eisenstein beginnt seine Arbeit zunächst im Schneideraum eines Filmstudios. Schnell erkennt er die Macht der Montage, denn durch die Anordnung von Bildern lassen sich Emotionen erzeugen, Wirklichkeit verändern und politische Botschaften vermitteln. Aus dieser Erkenntnis entsteht sein einzigartiger Stil, der ihn innerhalb weniger Jahre zu einem der bedeutendsten Regisseure seiner Zeit macht.
Konflikt zwischen Kunst und Ideologie
Mit wachsendem Ruhm steigen auch die Erwartungen der politischen Führung. Die sowjetische Kulturpolitik verlangt Filme, die den Staat stärken und seine Ideologie verbreiten. Eisenstein gerät dadurch in einen immer schärferen Konflikt: Einerseits möchte er seine künstlerischen Visionen verwirklichen, andererseits muss er sich den Vorgaben des Regimes anpassen.
Dieser innere Zwiespalt bildet den Kern der Handlung. Eisenstein begreift, dass Filme nicht nur unterhalten, sondern das Denken der Menschen prägen können. Gerade deshalb wird seine Kunst für den sowjetischen Staat so wertvoll. Gleichzeitig erkennt er, dass dieselben Mittel, mit denen große Kunst entsteht, auch für Propaganda genutzt werden können. Diese Erkenntnis begleitet ihn sein Leben lang und wird zu einer moralischen Belastung.
Ein Leben zwischen Bewunderung und Kontrolle
In acht Kapiteln schildert Gusel Jachina die Entstehung der wichtigsten Filme Eisensteins. Leser:innen begleiten den Regisseur durch verschiedene Stationen seines Lebens, erleben Begegnungen mit Künstlern und Funktionären sowie Reisen ins Ausland.
Dabei wird deutlich, wie sehr Eisenstein zwischen Bewunderung und Misstrauen schwankt. Im Ausland gilt er als revolutionärer Filmemacher und Genie des Kinos, in seiner Heimat muss er sich gegen politische Vorwürfe, ideologische Kontrolle und wechselnde Machtverhältnisse behaupten.
Eisenstein erscheint als hochbegabter, aber verletzlicher Mensch. Sein Perfektionismus treibt ihn zu außergewöhnlichen Leistungen, führt jedoch ebenso zu Selbstzweifeln, Erschöpfung und Isolation. Die Atmosphäre der Stalin-Zeit spielt eine zentrale Rolle: Künstler leben in ständiger Unsicherheit, politische Entscheidungen können Karrieren fördern oder zerstören. Freunde verschwinden, Funktionäre geraten in Ungnade, und niemand weiß, welche Freiheit morgen noch erlaubt sein wird.
Das rätselhafte Schlusskapitel „Matrix“
Das neunte Kapitel „Matrix“ bildet einen ungewöhnlichen Abschluss des Romans und lässt sich weniger als Fortsetzung der Handlung denn als Deutungsebene verstehen. Während die vorherigen Kapitel historisch und psychologisch geprägt sind, löst sich das Schlusskapitel von der linearen Erzählweise und wechselt auf eine symbolische, beinahe traumartige Ebene.
Es wirkt weniger wie ein erzählerischer Höhepunkt, sondern eher wie ein philosophischer Epilog. Wer symbolische Literatur schätzt, erkennt darin einen konsequenten Abschluss; wer eine klassische Romanstruktur bevorzugt, könnte das Kapitel als Fremdkörper empfinden.
Eisensteins körperliche Darstellung
Gusel Jachina beschreibt Sergej Eisenstein als kleinen, korpulenten Mann mit auffälligen körperlichen Merkmalen. Neben seiner geringen Körpergröße betont sie seine rundliche Figur und ungelenken Bewegungen. Besonders hervorgehoben wird sein Kopf, der im Verhältnis zum Körper groß wirkt – mit hoher Stirn und wildem Haar.
Durch diese physische Beschreibung erscheint er im Roman oft wie eine Karikatur, ein „Clown“ oder „Zwerg“, der von seiner Umgebung unterschätzt wird. Im Kontrast dazu stehen seine enorme schöpferische Kraft und seine monumentalen Filme.
Ein anspruchsvolles literarisches Werk
Der Roman ist keine leichte Lektüre, sondern ein umfangreiches literarisches Werk, das erhebliche Konzentration erfordert. Trotz der gründlichen Recherche der Autorin darf Eisen* nicht als Biografie des berühmten Regisseurs gelten. Es handelt sich vielmehr um einen psychologisch-literarischen Roman, der sich mit Leben und Schaffen Sergej Eisensteins auseinandersetzt.
Eisen von Gusel Jachina

Übersetzt von Helmut Ettinger
Kanon Verlag 2026
Hardcover
576 Seiten
ISBN 978-3-9856820-2-7