Orangen, Geheimnisse und ein Sommer, der alles verändert

Buchcover: Orangenleuchten an der Algarve von Jana Schäfer

Ein Erbe, das Fragen aufwirft

Cassy Sander lebt in Köln, hat eine eigene Kochshow und auf Instagram eine beachtliche Zahl an Followern. Als ihr im Süden Portugals lebender Vater Leander verstirbt, von dem sie in den letzten Jahren nur noch Geburtstagskarten erhalten hat, fährt sie nicht zur Beerdigung. Doch dann bekommt sie Post vom Nachlassgericht: Eine Orangenplantage, von der sie noch nie etwas gehört hat, soll sie mit anderen Angehörigen teilen.

Schon aus Neugier bucht Cassy für Anfang Mai einen Flug und kann bei ihrer Ankunft nicht verstehen, dass ihr Vater sie und ihre Mutter für eine abgelegene Farm zurückgelassen hat, die nicht mit den Traumstränden der Algarve konkurrieren kann. Immerhin wird sie dort freundlich von Almira in englischer Sprache begrüßt. Der Geschäftsführer Eliano Santos, mit dem Cassy zuvor einen Termin vereinbart hat, zeigt ihr das zum Anwesen gehörende Ferienhaus und erzählt ihr von Lia, Leanders Tochter. Dass ihr Vater mit Diana eine zweite Ehe eingegangen ist, war Cassy bekannt, doch von einer zweiten Tochter, ihrer Halbschwester, wusste sie nichts. Nun muss sie auch noch mit einer Unbekannten Gespräche über das zu teilende Erbe führen.

Zwischen Orangenbäumen und alten Wunden

Cassy, die eigentlich nur wenige Tage bleiben und ihren Anteil an der Farm schnell verkaufen wollte, muss wegen der noch abwesenden Lia einige Tage länger bleiben. Als sie dem etwa gleichaltrigen Eliano beim Pflücken der Orangen zusieht, macht sie sich erste Gedanken darüber, wie es sich wohl anfühlt, von seinen kräftigen Händen umarmt zu werden. Schnell besinnt sie sich darauf, warum sie in Portugal ist und dass für derlei Dinge kein Platz in ihrem Leben ist. Von Carlo, der bei der Ernte hilft, erfährt sie, wie wichtig ihrem Vater eine familiäre Atmosphäre unter den Arbeitern war, was Cassys Wut über sein offensichtliches Desinteresse an ihr nur steigert.

Bei einem Ausflug an die Praia do Amado erklärt ihr Eliano geduldig die Technik des Surfens, und Cassy fühlt sich so unbeschwert und glücklich wie lange nicht mehr. An einem anderen Tag begeben sich beide auf einen Rundweg vom Gipfel der Fóia und besuchen das kleine Städtchen Monchique, wo sie einen ersten Kuss austauschen. Trotzdem steht für Cassy fest, dass es bei einem Sommerflirt bleiben und sie nach der Klärung mit Lia wieder nach Köln zurückkehren muss.

Erinnerungen, Alltag und langsame Annäherung

Jana Schäfer, die ihre Figuren samt Bewegungen und Verhaltensweisen detailliert nachgezeichnet hat, lässt ihre Protagonistin immer wieder in Erinnerungen an Situationen aus ihrer Kindheit mit dem Vater schwelgen. Dadurch, dass Cassy das Geschehen in der Ich‑Form erzählt, kann die Autorin ihren Lesern die Fragen vermitteln, die Cassy beschäftigen und wie es in ihrer Gefühlswelt aussieht. Gelegentlich führt Cassy Telefonate mit ihrer Freundin Emma, verfasst einen Post oder liest Kommentare ihrer Follower. Ansonsten ist der Plot geprägt von den Tagesabläufen auf der Orangenplantage sowie von Gesprächen mit Eliano und Almira, die Cassys Begeisterung für das Ausprobieren neuer Rezepte teilen.

Späte Dramatik und berufliche Konsequenzen

Erst nach etwa der Hälfte des Buches taucht Lia auf, und noch viel später nimmt eine Dramatik ihren Lauf, weil Cassy ein zufällig belauschtes Gespräch falsch deutet und entsprechende Schlüsse zieht. Zudem steht unerwartet ihre berufliche Existenz auf dem Spiel, als sie während eines Events mit Beklemmung feststellt, dass sie eine App, auf die sie in ihren Beiträgen verlinkt hat, nicht einer nötigen Kontrolle unterzogen hat. Die Konsequenz ist, dass nach Abwägung mit der Produzentenleitung eine ihrer Folgen nicht online geht. Das Zurückfallen ihrer Show in sämtlichen Rankings ist somit vorprogrammiert.

Portugal als atmosphärische Kulisse

Jana Schäfer schreibt von der im Sommer von Touristen überlaufenen Praia de Faro und der zum Surfen geeigneten Praia do Amado. Auch wenn sie selbst das Städtchen Monchique nicht kennt, hat sie es überzeugend in den Plot einbezogen. Die von Mönchen kreierten und heute in Portugal überall anzutreffenden Pastéis de Nata dürften vielen Lesern bekannt sein – im Gegensatz zu dem aus Früchten des Erdbeerbaumes hergestellten Schnaps Medronho.

Gefühlschaos und ein Roman zum Dahinschmelzen

Nur am Rande erwähnt die Autorin in ihrem Roman Orangenleuchten an der Algarve* den besorgniserregenden Rechtsruck in Portugal, denn der Fokus liegt klar auf Cassys Gefühlswirrwarr. Sie fühlt sich gefangen in einer Welt, in der ihr Vater sie verstoßen hat. Immer wieder rutschen ihr Gedanken heraus, die sie erst bemerkt, wenn sie ausgesprochen sind. Berührungen von Eliano jagen ihr Schauer über den Rücken, in seiner Nähe spürt sie „Stromschläge“, und wie zu erwarten war, ist der erste Kuss „unendlich zart und langsam“. Ein angenehm flüssig geschriebener Roman, der so manches Frauenherz dahinschmelzen lässt.

Orangenleuchten an der Algarve von Jana Schäfer

Buchcover: Orangenleuchten an der Algarve von Jana Schäfer
Gmeiner Verlag 2026
Klappenbroschur
320 Seiten
ISBN 978-3-8392-8124-6

Bildquelle: Gmeiner Verlag

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