
Ein Leben im goldenen Käfig
Nach dem frühen Tod ihrer Mutter lebt Felicitas mit ihrer jüngeren Schwester Tessa, der Gouvernante Fräulein Korbinian und ihrem Vater Egidius Louisburg in einem großzügigen Palais. Egidius hat mit Eisenbahnen, Schienennetzen, Lokomotiven und Waggons ein Vermögen gemacht.
Heimlich lässt sich Felicitas von ihrer Zofe Minna die Zeitungen bringen und schleicht sich nachts in das Arbeitszimmer ihres Vaters. Dort entdeckt sie Unterlagen, die ihr ein beträchtliches Vermögen zusprechen – obwohl sie nie eigenes Geld hatte. Gleichzeitig erfährt sie von den enormen Schulden, die ihr Vater zu tilgen hat.
Ein Ball als Schachzug – und eine Tochter als Verhandlungsmasse
Wie Felicitas befürchtet, plant ihr Vater einen pompösen Ball, der noch Jahre Gesprächsthema sein soll. Dort will er sie verloben. Sofort beginnen die Vorbereitungen: ein maßgeschneidertes Kleid, eine durchgearbeitete Gästeliste und Tanzfolgen, die sie mit Elsa aus dem niederen Adel durchgeht.
Egidius Louisburg beeindruckt unterdessen Graf Alphons von Brück-Bürgen mit seinem vermeintlichen Reichtum. Dessen Sohn Rudolph soll Felicitas heiraten. Für Informationen über das Projekt der Anatolischen Eisenbahn ist Egidius bereit, seine Tochter samt hoher Mitgift zu „opfern“.
Ein Sturz in den Matsch – und ein Funke Freiheit
Felicitas belauscht den Handel und ist außer sich. Beim Ausritt mit ihrer strengen Anstandsdame scheut ihr Pferd und wirft einen jungen Mann in den Matsch.
Er stellt sich als Lorenz Schwerdtfeger, Sohn eines Kutschenfabrikanten, vor – und als Erfinder eines Sicherheits-Niederfahrrads. Felicitas ist sofort fasziniert. Sie will unbedingt Fahrradfahren lernen und trifft Lorenz heimlich mithilfe ihrer Vertrauten Minna.
Als sie Rudolph, ihrem zukünftigen Verlobten, vorgestellt wird, steht für sie fest: Diesen Mann wird sie niemals heiraten. Doch als ihre Treffen mit Lorenz auffliegen und die Schulden ihres Vaters über ihr zusammenbrechen, scheint es keinen Ausweg zu geben.
Historische Tiefe und präzise Recherche
Der Roman Im Takt der Freiheit spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – einer Zeit des technischen und gesellschaftlichen Umbruchs.
Hanna Caspian verwebt historische Fakten detailreich in den Plot:
- den Ausbau der Eisenbahnstrecken,
- frühe Fahrradmodelle wie die Draisine, Velozipede und Sicherheitsräder,
- den Börsenkrach von 1873,
- die Kongo-Konferenz von 1884,
- Georg Siemens und die Deutsche Bank,
- sowie die Entwicklung des Deutschen Passes.
Lediglich ein Fehler findet sich: Nicht Pluto, sondern Neptun wurde 1846 entdeckt.
Freiheit, Unterdrückung und der Blick auf die „Völkerschauen“
Caspian thematisiert auch die Schicksale der Menschen, die in sogenannten Völkerschauen wie Tiere zur Schau gestellt wurden, sowie die fehlende Freiheit der Dienstboten. Minna, Felicitas’ Zofe, weiß nicht einmal, ob sie gekauft wurde.
Bei einer Anprobe trifft sie auf einen Schwarzen – ein Moment, der sie erstmals über ihr eigenes Leben und den Begriff Freiheit nachdenken lässt.
Felicitas wird zunehmend rebellischer, denn ihr wird klar: Ihrem Vater ist jedes Mittel recht, um Zugang zum Adel zu erhalten. Während das einfache Volk hart arbeitet, darf sie als „besser Gestellte“ nicht einmal zu Fuß gehen.
Ein Roman voller Erfindergeist und gesellschaftlicher Umbrüche
Im Takt der Freiheit erinnert an große Namen der Industrialisierung:
Alfred Krupp, Werner von Siemens, die Maschinenbauer Borsig, die Konstrukteure Gottlieb Daimler und Carl Benz – und an Bertha Benz, die mit dem Patent-Motorwagen die erste Fernfahrt der Automobilgeschichte unternahm.
Hanna Caspian gelingt es, Historisches mit einem informativen, spannenden und stellenweise amüsanten Plot zu verbinden. Ein Roman, der technische Innovation, gesellschaftliche Zwänge und den Mut zur Freiheit eindrucksvoll zusammenführt.
Im Takt der Freiheit von Hanna Caspian

Erschienen im Knaur Verlag 2024
Klappenbroschur
448 Seiten
ISBN 978-3-426-65950-2