
Eine Kindheit zwischen Ideologie und innerem Widerstand
Leonie Plaar, die in einer Familie aufwuchs, in der bereits ihre Großeltern und ihr Vater – den sie nur noch als ihren Erzeuger bezeichnet – seit Gründung der AfD Mitglieder wurden, fühlte sich in Diskussionen mit ihren Eltern oft in die Enge getrieben. Um besser gewappnet zu sein, nutzte sie den Corona‑Sommer, um sich intensiv mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen.
Eine Auseinandersetzung führte zum Entzug der finanziellen Unterstützung während ihres Studiums; sie erinnert sich an „Scheißweihnachten!“. Als sie ihren Erzeuger fragte, warum er die AfD wähle, erhielt sie die Antwort, die Partei vertrete seine finanziellen Interessen – ein Moment, der ihren Entschluss bestärkte, sich von ihrer Familie zu distanzieren.
Schonungslose Offenheit: Diskussionen, Alltag und moralische Bruchlinien
In fließenden Übergängen schreibt die Autorin mit großer Offenheit über exemplarische Diskussionen mit ihrem Erzeuger. Was politisch begann, wurde zunehmend moralisch. Sie schildert ihr Familienleben, ihren Alltag und die Themen, mit denen sie sich zwangsläufig auseinandersetzen musste – Themen, die in den Medien oft nur am Rand vorkommen.
Mit kritischem Blick analysiert sie gesellschaftliche Strukturen und den Status, den bestimmte Gruppen im System genießen. Ein Beispiel dafür ist ein „alter weißer Mann an den Hebeln der Macht“, den sie mit Quellen belegt – nur einer von über sechzig Verweisen im Buch.
Wer gehört zur Mittelschicht? Und wer profitiert wirklich?
Ausführlich erläutert Plaar in ihrem nicht chronologisch aufgebauten Sachbuch Meine Familie, die AfD und ich, welche Einkommen in Deutschland zur Mittelschicht zählen. Ihr Ergebnis: Viele verarmte Menschen unterliegen einer massiven Fehleinschätzung und hoffen auf Wahlversprechen der AfD, die angeblich genau diese Schicht begünstigen soll – ohne zu erkennen, dass sie im Erfolgsfall gar nicht zu den Profiteuren gehören würden.
Selbst Friedrich Merz, so zeigt sie, liegt mit seiner Einschätzung daneben.
Wie man Diskussionen dreht: Fragen statt Rechtfertigungen
Plaar beschreibt, dass sie auf taktisch kluge Fragen von AfD‑Befürwortern oft nicht spontan antworten konnte – und deshalb als uninformiert galt. Aus dieser Erfahrung heraus empfiehlt sie, den Spieß umzudrehen: gezielte Gegenfragen stellen, statt sich in die Defensive drängen zu lassen. Zwei konkrete Beispiele liefert sie gleich mit.
Queere Identität, politische Instrumentalisierung und persönliche Offenheit
Die Autorin analysiert die Rhetorik von Alice Weidel und bezeichnet sie als „Goldgriff“ für die Partei – ein Token, das der rechtsradikalen AfD ein moderneres Gesicht geben soll. Sie verweist auf historische Parallelen, etwa zu Ernst Röhm, einem führenden Nationalsozialisten.
In diesem Zusammenhang widmet sie trans*Menschen und queeren Paaren viel Raum. Plaar, selbst Historikerin und Aktivistin unter dem Namen „Frau Löwenherz“, gehört zu dieser Community und hatte gegenüber ihren Eltern gleich zwei Coming‑outs.
Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich gefährlich
Die deutsche Geschichte des Zweiten Weltkriegs sei in ihrem Studium der „Elefant im Raum“ gewesen. Plaar zieht weite Linien zurück bis zum Nationalsozialismus und zeigt mehrfach auf, dass Sprache und Denkweise heutiger Rechtsextremer denen der Vergangenheit „nicht nur ähneln, sondern gleichen“.
Sie belegt Falschbehauptungen der AfD mit Auszügen aus Wahlprogrammen und zitiert mehrfach Björn Höcke.
Mut, Analyse und ein Appell an die Demokratie
Plaar wagt einen Blick in die Zukunft Alice Weidels, zeigt gelegentlich zynische Schärfe und legt in kritischen Auseinandersetzungen den Finger genau in die Wunde. Mit ihrer Analyse der Radikalisierung und ihrer offenen Haltung bewegt sie sich auf dünnem Eis – und tut es dennoch.
Ihr Sachbuch Meine Familie, die AfD und ich ist ein mutiger Beitrag zur politischen Bildung. Für Politiker demokratischer Parteien wäre es – im Interesse der Demokratie – dringend zu empfehlen. Eigentlich müsste es Pflichtlektüre sein, zumal Plaar konkrete Ideen liefert, wie die jüngere Generation politisch erreicht werden kann – etwas, das die AfD längst strategisch nutzt.
Meine Familie, die AfD und ich von Leonie Plaar

Goldmann Verlag 2025
Klappenbroschur
192 Seiten
ISBN 978-3-442-32003-5