
Wenn Rentner plötzlich keine Zeit mehr haben
Die Anthologie Bin in Rente, ich muss gar nichts! vereint heitere Geschichten, wobei schon die erste mit dem Vorurteil aufräumt, Rentner hätten stets genug Zeit und langweilten sich sogar mitunter: Einer Frau macht die Großtante ihres Mannes, die neuerdings Rentnerin ist, einen Strich durch die Rechnung. Karl hat das Pech, dass sich seine allzu besorgten Freunde, die er gar nicht braucht, um ihn kümmern wollen, während eine Kundin im Schuhgeschäft eine unliebsame Bekanntschaft mit den Sicherheitskräften macht. Neu‑Rentner, so die Erfahrung eines Mannes, sind in Wirklichkeit zum Lesen des Sportteils einer Tageszeitung geschaffen, und für Mona sieht es an ihrem letzten Arbeitstag schlecht aus, denn nichts läuft, wie es sollte, bis … Das kann an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden.
Peinlichkeiten, Missgeschicke und skurrile Ideen
Einem Chef bleibt bei seiner Lobrede für eine ausscheidende Kollegin eine Peinlichkeit nicht erspart. In der Anschaffung eines Aquariums sieht ein Rentner zunächst die Lösung für seinen Zeitvertreib, bevor er erkennt, dass es doch nicht das Richtige war. Eine Mutter, die ihren fünfundsiebzigjährigen Sohn noch immer Klausi nennt und ihn nach ihrem Ableben gut versorgt wissen will, greift dafür zu ungewöhnlichen Methoden. Als Horst endlich einmal seinen Onkel besuchen will, bewahrheitet sich dessen Ankündigung, bei einem Besuch „ganz großen Bahnhof“ zu machen, in ungeahnter Weise.
Vom Internetchaos bis zum Silvesterkater
Von der Einrichtung des Internets durch seinen Neffen ist Helmut überfordert und verwechselt prompt die unterschiedlichen Klingeltöne. Rentner, die über Jahre den Silvesterabend gemeinsam gefeiert haben, stellen fest, dass sie am Neujahrstag immer später auf die Beine kommen. Ein Schock ist es, wenn das eigene Kind einem vor Augen hält, im Alter von fünfzig Jahren für Robbie Williams nicht mehr zum Beuteschema zu gehören. Schwimmen hält ein Rentner für den perfekten „Alter‑Sack‑Sport“, und eine Großmutter findet als Rentnerin tatsächlich ausnahmsweise die Zeit und freut sich darauf, ihre Enkelin im nächsten Jahr wieder bei einer Kreuzfahrt zu begleiten.
Heitere Vielfalt mit gelegentlich schwarzem Humor
Wie es für eine Anthologie üblich ist, machen die heiteren Geschichten ihrem Namen mal mehr und mal weniger Ehre. In dem kleinformatigen Buch Bin in Rente, ich muss gar nichts! finden sich vereinzelt farbige Illustrationen von Kai Würbs. Fast schon makaber klingt der Tipp in einem der Texte, dass den Rentner ein „erfülltes, aktives Rentnerdasein“ erwartet, wenn er das Rauchen bis auf vier Schachteln Roth Händle ohne Filter steigern würde. Trotz dieses eher irritierenden Ratschlags verleiten die Geschichten durchaus zum Schmunzeln, und gelegentlich bleibt auch mal kein Auge trocken. Das Buch eignet sich bestens als Geschenk für einen lieben Menschen, der bereits seinen Ruhestand genießt oder bald das Rentenalter erreicht. Denn – wie uns das Buch gelehrt hat – haben Rentner, abgesehen von der Großmutter, die unerwarteterweise bei einer Kreuzfahrt im Nordatlantik auf den Geschmack gekommen ist, viel Zeit, die sie auf die eine oder andere Weise vertreiben müssen. Da scheint eine Lektüre über ihren Zustand genau das Richtige zu sein.
Bin in Rente, ich muss gar nichts!

Coppenrath Verlag 2023
Hardcover
128 Seiten
ISBN 978-3-649-64598-6