Medizinische Wahrheiten, menschliche Abgründe – Kurzgeschichten, die unter die Haut gehen

Cover von Ohne Befund von Lou Bihl

Zwischen Diagnose und Lebenskrise: Zehn Geschichten aus dem Gesundheitswesen

Im Kurzgeschichtenband Ohne Befund von Lou Bihl versammeln sich zehn präzise beobachtete „Geschichten aus dem Gesundheits-Wesen“. Die erste erzählt von einer Ärztin mit unerfülltem Kinderwunsch, die eine neue Perspektive auf ihr Leben gewinnt.

Es folgt die Geschichte einer alleinerziehenden Chirurgin, die lange mit einer Patientin über deren gewünschte körperliche Veränderungen diskutiert – ohne zu ahnen, welcher Schmerz tatsächlich dahintersteckt.

Eine Mikrobiologin besucht ihren getrennt lebenden Ehemann nach einem Motorradunfall auf der Intensivstation und erkennt, wie wenig sie ihn eigentlich kannte.

Eine Oberärztin erhält anonym Champagner, die französische Originalausgabe von „La Peste“ und eine begehrte Theaterkarte – ein Rätsel, das sich erst spät auflöst.

Familiäre Spannungen, berufliche Konflikte und überraschende Wendungen

Eine Anästhesistin entdeckt beim Besuch ihres Vaters in der Seniorenresidenz Unerwartetes in dessen Badschrank.

Ein Hausarzt diskutiert beim Familienessen mit einer ukrainischen Pflegekraft über die Lage von Geflüchteten.

Nach einem One-Night-Stand tauscht sich eine Onkologin beruflich mit einem Molekularbiologen aus – während dieser auf mehr hofft.

Eine weitere Onkologin wird erschüttert, als eine Patientin plötzlich verstirbt – ausgerechnet ihre frühere Hausärztin. Erst ein Brief nimmt ihr die Angst, etwas übersehen zu haben.

Ein Mann, der einst seinen Berufswunsch wegen der Schwangerschaft seiner Frau aufgeben musste, erholt sich nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Doch statt Ruhe eskaliert ein familiärer Streit.

Bei einem Literaturdinner diskutieren Anästhesisten über Michel Houellebecqs „Vernichten“ – bis ein Absacker den Abend abrupt beendet.

Medizinische Präzision und gesellschaftliche Relevanz

Im Nachwort betont Lou Bihl, selbst Ärztin, dass alle medizinischen Sachverhalte auf aktuellem Stand sind. Dazu gehören:

  • eine Studie zu Herz-Kreislauf-Ereignissen unter Viagra,
  • eine Untersuchung des Weltwirtschaftsforums zur Gleichberechtigung,
  • ein „flammendes Plädoyer“ eines Zellbiologen zur „German Angst“.

Jede Geschichte wird von einer Illustration Daniel Horowitz’ eingeleitet und endet mit Glossar und Quellenverzeichnis. Die Themen reichen von Leihmutterschaft, Organspende und Epigenetik über Depressionen, Obduktionen und Taliban-Herrschaft bis hin zu Corona-Meldestatistiken.

Stilistisch anspruchsvoll, thematisch breit und emotional vielschichtig

Lou Bihl schreibt auf hohem sprachlichen Niveau. Auch Leser ohne medizinische Vorkenntnisse finden problemlos Zugang. Die Geschichten sind mal traurig, mal humorvoll, oft nachdenklich – und enden stets mit einer überraschenden Wendung, die den Blick auf das Gesundheitswesen erweitert.

Ohne Befund von Lou Bihl

Cover von Ohne Befund von Lou Bihl
Illustrationen von Daniel Horowitz
Unken Verlag 2024
Hardcover mit Schutzumschlag
228 Seiten
ISBN 978-3-949286-11-7

Bildquelle: Thalia

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