Evelyn Ødegaard will zu ihrem fünfundachtzigsten Geburtstag in Oslo unbedingt noch ihren Sohn Wilhelm dabei haben, um ihm vor ihrem Tod noch etwas Wichtiges mitteilen zu können. Seit dreißig Jahren hat sie ihn nicht mehr gesehen und er macht sich von seinem jetzigen Wohnort in Amerika auf nach Norwegen. Seinen Sohn Robert hat Evelyn zuletzt als kleinen Jungen gesehen, doch hat sie ihn kürzlich auf einer Theaterbühne in der Figur des Hamlet wiedererkannt. Sie lädt ihn ebenfalls ein und überreicht ihm dabei einen Brief mit einer Karte und einem Schlüssel. Robert kann sich zunächst keinen Reim auf den Inhalt des Briefes machen. Doch die darin enthaltene Karte lässt seinen in der Star Wars Welt gefangenen Sohn Lukas an einen Schatz glauben und die beiden machen sich tatsächlich zu der beschriebenen Stelle in einem Waldgebiet nahe der Grenze zu Schweden auf. Doch Der Wald wirft schwarze Schatten und Robert kommen immer mehr grauenvolle Erinnerungen, als er mit Lukas die bezeichnete Stelle erreicht und vor einer Hütte steht.

Wilhelm beschleichen seit dem Flug nach Norwegen auch immer mehr Erinnerungen an frühere Zeiten, an seine Frau und an ein kleines Kind. Die Beschäftigung damit wühlt ihn nervlich auf und er wird immer unruhiger. Schließlich begibt er sich auch über einsame Waldwege zu dieser Hütte und glaubt Gespenstern aus seiner Vergangenheit gegenüber zu stehen. Alle drei, Wilhelm, Robert und auch Evelyn, verbinden mit dieser Hütte etwas, das grauenvolle Bilder vor ihrem geistigen Auge erscheinen lässt: Ein kalter Kohlekeller, ein schreckliches Verbrechen, ein Bauernsohn aus der Ukraine, eine Liebe zu Elise, ein Kuschelkaninchen – lauter Auslöser von Erinnerungsblitzen.

Nur in kleinen Andeutungen erfährt der Leser in Der Wald wirft schwarze Schatten von Kari Braenne, was Evelyn denn nun so Wichtiges mitzuteilen hat. Deshalb steigt die Spannung auch nur geringfügig und allmählich an. Die geschilderten Erinnerungen von Wilhelm, Robert und Evelyn selbst muss sich der Leser wie in einem Puzzle zusammensetzen. Wobei sich oftmals die Realität mit ihren Erinnerungen vermischt. Großmutter, Sohn und Enkel haben ein völlig unterschiedliches Leben geführt und so hat der Leser das Gefühl, es handelt sich um drei verschiedene Geschichten, was ihn durchaus fordern und zu Irritationen führen kann. Vor vielen Kapiteln hat die Autorin außerdem noch eine Ich-Erzählung in kursiver Form gesetzt und erst am Ende des Buches wird klar, wer hier zu Wort gekommen ist. Besonders hervorzuheben ist noch die Verflechtung von Theater und Wirklichkeit, als es nämlich bei Robert in der Figur des Hamlet um „versiegelte Erinnerungen des Körpers“ geht und sich parallel dazu reale Erinnerungen einschleichen. Der Wald wirft schwarze Schatten von Kari Braenne ist sicher keine leichte Kost und vordergründig den Lesern zu empfehlen, die Anspruchvolles lieben.

Kari Braenne, Der Wald wirft schwarze Schatten, Rowohlt Polaris Verlag 2012, Klappenbroschur, 352 Seiten, ISBN 978-3-862-52023-7, Preis: 14,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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