
Musik als Lustquelle und gesellschaftliches Phänomen
Popmusik, so resümiert Thomas Jendrosch gleich zu Beginn seines gleichnamigen Sachbuchs, schadet niemandem wirklich – allerdings nur, wenn sie mit Augenmaß genossen wird. Er führt aus, dass die Stimulation des Gehörsinns offenbar ein Lustempfinden erzeugt. Der jeweilige Takt wirkt sich nicht nur auf die Milchproduktion von Kühen, Ratten und sogar Pflanzen aus, sondern spiegelt sich auch in Einschlafliedern für Babys wider. Unter die Lupe nimmt er die häufig als kitschig und trivial geltenden Schlager sowie das Boy-Group-Phänomen. Eine Studie will zudem nachgewiesen haben, dass Musik die Leistungsfähigkeit bei der Arbeit steigert. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat wegen rechtsextremer Songs die Popmusik im Blick – selbst Schlager sind davon nicht ausgenommen. Ein Verbot sei aus psychologischer Sicht jedoch nicht zielführend.
Zwischen Erotik und Clubsterben
Der Autor wirft die Frage auf, ob Texte und Videos der Popmusik nicht zunehmend zur Pornographie verkommen, zumal Musik auch als akustisches Aphrodisiakum gilt. Er sucht nach Gründen für das Clubsterben (für die Ü60-Generation noch „Disco“) und untersucht, welche Altersgruppen sich welchen Genres zugehörig fühlen. Dabei führt er dreiundzwanzig Super-Genres auf, die er unterschiedlichen Persönlichkeiten zuordnet. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass der Musikgeschmack von Herkunft und Bildung des Konsumenten abhängt.
Retro-Trends, Streaming und musikalische Inflation
Jendrosch berichtet von Auswüchsen der Fans in Japan, die virtuelle Konzerte mit Hologrammen besuchen, und von Künstlern, die bewusst „extra schief ins Mikrofon“ singen, um Effekte zu erzielen. Bei Tonträgern zeichnet sich seinen Ausführungen zufolge ein Retro-Trend ab. Zur quasi Flatrate von Spotify enthüllt er deren ausgeklügelte Abrechnungsmethode und spricht kritisch von einer musikalischen Inflation. Er geht sogar so weit, von „Matschepampe, die unsere Spotify-Listen zumüllt“ zu schreiben. Der Walkman habe einerseits musikalische Welten beim Rad- oder Skifahren erschlossen, andererseits aber auch Gefahren mit sich gebracht.
Musik im Alltag: Von Ohrwürmern bis Supermarkt-Kassen
Der Autor verdeutlicht die Zusammenhänge von Musik und Workout, Veranstaltungen und Weihnachtsmärkten und erklärt, warum neue Titel vornehmlich an einem Freitag erscheinen. Ausführlich geht er auf die im jeweiligen Zeitgeist mitschwingenden Elemente ein, beleuchtet das Phänomen von Ohrwürmern und die sich regelrecht in die Psyche einbrennenden Videos auf YouTube, die einst MTV und VIVA abgelöst haben. Hier kommen Mashups, Remixe, Coverversionen und Samples zum Einsatz.
Zwischen Dauerbeschallung und Stille
Weiterhin thematisiert Jendrosch die negativen Auswirkungen einer Dauerbeschallung ebenso wie die der zum Wahnsinn führenden Deprivation. Er berichtet von Musik als Folterinstrument und erklärt, dass die Hintergrundmusik im Supermarkt nicht zufällig gewählt wird – sie soll die Ladenkasse füllen. Selbst der Geschmack von Wein oder Käse kann sich je nach begleitender Musik verändern. So erinnert er an Tomatensaft, der über den Wolken sogar von Menschen genossen wird, die ihn sonst ablehnen.
Wissenschaft, Fremdwörter und Fußnotenfülle
Als Professor für Wirtschaftspsychologie sind Jendrosch seine inflationär gebrauchten Fremdwörter wie Hookline, Reaktanz oder Irradiation geläufig. Es bleibt zu hoffen, dass seine an „Phänomene – Psychologie – Perspektiven“ interessierten Leser nicht nur mit diesen Begriffen vertraut sind, sondern auch mit den vielen in der Musikszene beheimateten Größen, die er in den Kapiteln nennt. Mit zahlreichen Fußnoten erinnert sein akribisch recherchiertes Werk an eine Dissertation – dennoch kann auch jeder Laie die für ihn relevanten Informationen herausfiltern.
Satire, Vergleiche und ein düsteres Fazit
Fotos und Abbildungen lockern den Text auf, ein Bücher- und Zeitschriftenverzeichnis bietet weiterführende Informationen, und ein Künstler- sowie Stichwortverzeichnis erleichtert das Auffinden bestimmter Inhalte. Mit satirischen Untertönen vergleicht Jendrosch das Hören trauriger Musik bei Liebeskummer mit dem homöopathischen Prinzip nach Hahnemann: „Es muss erst schlimmer werden, bevor die Heilung beginnen kann.“ Letztlich schließt er mit einer düsteren Prognose: Die Zukunft liegt im betreuten Hören.

