
Ein Kuraufenthalt mit unerwarteten Begegnungen
Für Franz-Josef Schulte machten seine Rückenprobleme eine Kur erforderlich. Bevor es für drei Wochen nach Bad Doberan in eine für ihre Moorbäder berühmte Kurklinik gehen sollte, musste er zunächst zum PCR-Test in eine Corona-Teststation in Berlin. Sein Zimmer erinnerte ihn sofort an seinen Aufenthalt als Schüler in einem streng katholischen Internat in Kleve. Wenn er keine Moorbäder nahm, wanderte er durch die mecklenburgischen Wälder. Eines Tages gesellte sich zu seinem Tischnachbarn Norbert, einem afghanischen Veteran im Rollstuhl, noch der Geigenvirtuose Lothar. Die Überlegung, Ella den Abbruch der Kur zu eröffnen, geriet dadurch in den Hintergrund.
Die Idee eines gemeinsamen Buches
Wie Schulte im Epilog seines autobiografischen Romans Schweben im Moor der Erinnerungen* erklärt, entwickelte er mit Lothar die Idee, ihre gemeinsame Geschichte aufzuschreiben. Während des Kennenlernens tauschten die beiden Gedanken über ihre Vergangenheit aus, wobei der Leser auch einiges über den neu gewonnenen Freund erfährt.
Alltag zwischen Klinik und Erinnerung
Der Autor schreibt im ständigen Wechsel vom Kuralltag und seinen Erinnerungen. Aufgrund der Corona-Einschränkungen wurden Sechser- gegen Dreiertische ausgetauscht, Tanz- und Spieleveranstaltungen fielen ersatzlos aus, und das Schwimmbad samt Sauna musste schließen. Darüber hinaus berichtet er, dass unweit von Bad Doberan in Heiligendamm bereits 1803 eine erste Herrenbadeanstalt errichtet wurde. Mit der aufkommenden Freude an der Badekultur wurde Pfarrer Sebastian Kneipp berühmt. Auch über die frühere Nutzung der Kuranlage informiert er.
Rückblenden ins Internat
Immer wieder schiebt Schulte Passagen über seine Zeit im Internat ein und verdeutlicht die politische Lage während seiner Studienaufnahme im Jahr 1970. Erinnerungen an das Essen werden wach, ebenso an den Missbrauch eines jungen Ministranten durch den amtierenden Bischof und das von Nonnen missachtete Briefgeheimnis. Die hoch gehandelte BRAVO ersetzte die Sexualaufklärung. Er erzählt von einem „Skandal unterm Weihnachtsbaum“, als ihm seine Mutter die Platte Je t’aime schenkte. Mit Verwandten führte ihn sein erster Flug nach Mallorca, wo er Ende der 1960er Jahre in Puerto Soller Michelle kennenlernte. Später besuchte er seine Brieffreundin während der Sommerferien in Paris.
Historische Einschübe und Zeitgeschehen
Zwischen seinen Kuranwendungen und Internatserinnerungen informiert Schulte über die in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eingemeißelten Namen der Opfer des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016. Er erwähnt den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm, den er mit einem Foto belegt, das Angela Merkel und Wladimir Putin in einem übergroßen Strandkorb zeigt. Weniger überraschend sind seine Hinweise auf die Grenzöffnung im November 1989, den Angriff auf die Ukraine im Februar 2022, die Pariser Weltausstellung 1889 oder die Mondlandung im Juli 1969.
Von Wallfahrtsorten und Moorflächen
Dass der Marienwallfahrtsort Kevelaer seinen Ursprung im Jahr 1647 haben soll, dürfte für viele Leser ebenso neu sein wie die Existenz der bis ins 19. Jahrhundert heimischen Malariamücke. Damals gab es noch ausgedehnte Moorflächen, die nach Angaben des Autors zu 95 Prozent trockengelegt wurden. Er beschreibt auch die fatalen Konsequenzen dieser Trockenlegung. Dennoch bleiben solche Ausführungen wohl eher für Verwandte oder Bekannte von Bedeutung.
Ein begnadeter Schreiber ohne roten Faden
Franz-Josef Schulte, der sich selbst als Rebell gegen das „Establishment“ sah, ist zweifellos ein begnadeter Schreiber. Sein angenehm flüssiger Stil und amüsante Anekdoten – etwa aus seiner Internatszeit – zeigen sein Talent. Doch vermag er kaum, den Leser für den Plot zu begeistern. Dem Roman fehlt die Spannung: Der Leser weiß nicht, ob er sich mehr auf den Klinik- oder Internatsaufenthalt einstellen soll, da überrascht der Autor plötzlich mit einer historischen Begebenheit oder einem Künstler wie Joseph Beuys. Es fehlt der rote Faden, um den Leser „bei der Stange zu halten“. Auch die zahlreichen Fotos, die einzelne Ereignisse dokumentieren, können daran nichts ändern.
Schweben im Moor der Erinnerungen von Franz-Josef Schulte

Independently published 2024
Hardcover mit Schutzumschlag
184 Seiten
ISBN 978-3-00-066118-1
