Vatertage von Stephan Bartels

VatertageSimon Havlicek war Chefdisponent einer Kinokette, bevor er nach der Geburt des zweiten Kindes Hausmann in Elternzeit wurde. Anke, mit der er glücklich verheiratet ist, konnte den Posten übernehmen. Mit Lea und Lilly leben sie zufrieden in einem Reihenhaus in Hamburg, bis eines Tages ein Brief vom Sozialamt mit einem Zahlungsbescheid eintrifft: Simon soll für seinen im Pflegeheim lebenden Vater Michael Petersen monatlich fast siebenhundert Euro zahlen. Doch seinen leiblichen Vater hat er lediglich bei seiner Einschulung kurz gesehen und später auch nur einmal auf einer Rolltreppe in der U-Bahn erkannt. Janko, der Lebenspartner seiner Mutter Jarmila, war für ihn der Vater, der sich um ihn gekümmert hat. Für Simon steht fest, dass er gegen den Bescheid Widerspruch einlegen wird, denn zum einen musste sich die Familie für den Kauf des Reihenhauses verschulden, zum anderen findet er es unfair, für einen Vater aufzukommen, der nicht einmal Unterhalt gezahlt hat.

Mit seinem Freund Hotte geht Simon zum Sozialamt und erfährt dort zu seinem Erstaunen, dass er noch Geschwister hat. Sein Bruder hat bereits durch seinen Anwalt verlauten lassen, dass er über keine Einkünfte verfügt, obwohl er in Blankenese wohnt, einem der reichsten Stadtteile von Hamburg. Seine Schwester ist Studentin und studiert in Oxford. Simon besucht mit seiner Mutter das Pflegeheim, wo er eine weitere Überraschung erlebt: Sein Vater war obdachlos, hat sich ins Delirium gesoffen und vegetiert nunmehr ohne Hoffnung als Komapatient vor sich hin. Doch Simon belasten nicht nur die neu auf ihn zukommenden finanziellen Belastungen, sondern er muss auch noch verhindern, dass seine Mutter ihre Drohung wahr macht, seinen Vater Michael umzubringen, um ihrem Sohn Kosten zu ersparen.

Der Roman Vatertage wird von Stephan Bartels in zwei Zeitebenen erzählt: Das aktuelle Geschehen ist im Jahr 2008 angesiedelt, als sich die Handlungspersonen noch mit SMS austauschen mussten, da der Instant-Messaging-Dienst WhatsApp erst ein Jahr später gegründet wurde. In Rückblicken hat der Autor die Geschichte dargelegt, wie Jarmila im Jahr 1967 mit ihrer Freundin Hanka in Prag an einer Studentendemo teilnimmt und dort ein Jahr später Michael kennenlernt. Die erst Siebzehnjährige wird von ihm schwanger und gerät zwischen die Fronten, als Panzer in die Stadt rollen, womit Stephan Bartels an die Ereignisse erinnert, die unter dem Begriff „Prager Frühling“ in die Geschichte eingingen: Auf der einen Seite das Bestreben der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubĉek nach einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, auf der anderen Seite die gewaltsame Niederschlagung durch Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968.

Aber nicht nur diese Ausführungen zu realen Geschehnissen machen die Lektüre interessant. Der Autor schreibt vom Alltag in den Pflegeheimen, wobei er auf seine Erfahrungen als Zivildienstleistender in einem Pflegeheim zurückblicken kann. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch die Klassifizierungen der Glasgow Coma Scale, einer Skala zur Einschätzung insbesondere der infolge eines Traumatas einsetzenden Bewusstseinsstörung. Was die Unterhaltsverpflichtungen von Kindern gegenüber ihren Eltern betrifft, bemerkt er kritisch, dass Unternehmer im Gegensatz zu Privatpersonen ihre Gewinne „klein rechnen“ können.

Der Roman Vatertage zwingt den Leser zum Nachdenken, denn es geht um die kontrovers diskutierte Frage, was unter würdevollem Sterben zu verstehen ist und auch darum, wie der Begriff Vater definiert werden kann, was einen Vater ausmacht. Die Geschichte macht deutlich, dass sich kein Mann seiner Tränen schämen muss, denn Männer sind keine Indianer. Bereits ab der Mitte hält der Plot eine erste Überraschung für den Leser bereit, der noch weitere folgen. Wenn im Pflegeheim zunächst entspannte Konversation vorherrscht, wird der Plot beim Zusammentreffen der Geschwister zunehmend spannender, was durch die abenteuerliche Flucht der jungen Jarmila aus Prag noch getoppt wird. Stephan Bartels ist mit dem Roman ein Balanceakt gelungen, indem er ein ernstes Thema höchst amüsant umgesetzt hat, ohne dabei makaber zu werden. So verspricht das sehr zu empfehlende Buch perfekte Unterhaltung, gekoppelt mit informativen Hintergründen.

Stephan Bartels, Vatertage , Heyne Verlag 2018, Klappenbroschur, 364 Seiten, ISBN 978-3-453-43898-9, Preis: 12,99 Euro.

Bildquelle: Heyne Verlag

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