Im Alter von fast neun Jahren nimmt Knut Knieping im Jahr 1976 auf Wunsch seines Vaters an einem ersten 800-Meter-Lauf teil. Zehn Jahre später hält er in seiner Fantasie im Angesicht eines Hügels nach einem Sherpa Ausschau, als er mit Armeeausrüstung zwanzig Kilometer um den Baldeneysee läuft. Zur Überraschung seiner Bundeswehrvorgesetzten läuft er die Strecke in erstaunlich schneller Zeit. Während seines Jurastudiums schließt er mit einem Freund eine Wette um ein Zehn-Liter-Fässchen Altbier ab. Obwohl er sich bei den zehn Runden um den Ostpark wie Asbach Uralt fühlt, gewinnt er. Im Jahr 1992 nimmt er am Kö-Lauf in Düsseldorf teil und staunt nicht schlecht über die Beine eines Mitläufers, die ihn an einen Velociraptor erinnern. Sogar beim Skiurlaub in Saalbach-Hinterglemm trainiert er eifrig für einen Marathon, auch wenn er sich dafür den Spott seiner Freunde einhandelt.

Als Knut Knieping bereits als Anwalt tätig ist, fällt es ihm nicht leicht, die „menschenrechtswidrige Weckzeit“ zu akzeptieren und obwohl ihm seine Berufstätigkeit wenig Spielraum lässt, trainiert er nach wie vor eisern. Doch im Sommer 1999 muss er am Meniskus operiert werden. Den ärztlichen Ratschlag, auf gelenkschonende Sportarten zu wechseln, schlägt er in den Wind, was er mit einem Sturz und einer erneuten Operation bezahlen muss. Stundenlang hat er für den Marathon in Duisburg auf dem Crosstrainer trainiert und muss doch den Lauf abbrechen. Noch gibt er aber nicht auf: Beim Garather Schlossmarathon gibt er 2002 neben dem altbekannten „Velociraptor“ alles und nimmt zwei Jahre später auch noch am Berlin-Marathon teil. Weil gegen seine Krämpfe nur noch Infusionen helfen, fragt seine Frau Cecile ihn, ob der Wahnsinn endlich ein Ende hat. Einmal hat er noch ein besonderes Erlebnis, als er mit seiner Tochter Fine während eines Spielplatz-Hoppings die unfreiwillige Bekanntschaft mit zwei Polizisten macht. Seitdem fühlt er sich als Ruheständler und Genussläufer.

Knut Knieping beschreibt in seinem Buch Temporausch – Laufen zwischen Rhein und Uhr, wie aus einem „One-Run-Stand“ seine Liebe zum Laufen entstand. Den Leser nimmt er dabei mit auf eine spannende Reise um den Baldeneysee, die Düsseldorfer Altstadt und den Stadtteil Gerath. Der Autor erwähnt Namen wie Emil Zátopek, Rudi Völler, Monica Seles, Dieter Müller, Berti Vogts, Steffi Graf, Boris Becker sowie Uli Hoeneß, aber auch Heinz Schenk, Mackie Messer, Münchhausen, Darth Vader, Pawlow oder den „kleinen Prinz“. Der Leser darf sich auf originelle Wortspielereien wie „täglich quält das Murmeltier“ und Wortschöpfungen wie „Augenmigräne“, „postmarathonale Depression“ oder „Phantomflatulenzen“ freuen und wenn andere „nicht mehr alle Latten im Zaun“ haben, heißt es bei Knut Knieping „nicht mehr alle Raketen im Arsenal“. Lustig macht er sich über Bundeswehrübungen, die „im atomaren Ernstfall bestimmt helfen“ und lässt nicht unerwähnt, dass ihm „beim Bund brackiger, brauner Wind entgegenwehte“. Das Buch Temporausch – Laufen zwischen Rhein und Uhr bietet wegen seiner amüsanten, witzigen und ironischen Erzählweise sicher nicht nur für Sportbegeisterte einen Lesegenuss, wobei diese Gruppe natürlich am besten nachvollziehen kann, wenn es an Ruhetagen in den Füßen zuckt und wenn man süchtig ist nach dem „Methadon-Schuss“, den körpereigene Endorphine ausschütten. Auch wenn sich der Autor einer lockeren Sprache bedient, glänzt er mit einer gewählten Ausdrucksform und nicht nur sportlichen Fachausdrücken.

Knut Knieping, Temporausch – Laufen zwischen Rhein und Uhr, Sportwelt Verlag 2014, Taschenbuch, 152 Seiten, ISBN 978-3-941297-30-2, Preis: 10,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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