Die auf ihre Besucher so harmlos wirkende „Villa Baviera“, die heute ein Hotel im bayrischen Stil beherbergt, birgt ein zutiefst trauriges und erschütterndes Geheimnis der chilenischen, wie auch der deutschen Vergangenheit. Seit der Gründung der totalitären Siedlung Colonia Dignidad im Jahr 1961 durch den ehemaligen Jugendpfleger Paul Schäfer wurden in der südlich von Santiago de Chile gelegenen Region Parral über Jahrzehnte um die dreihundert Menschen ihrer persönlichen Habe beraubt, bespitzelt und unter strengsten Sicherheitsverwahrungen regelrecht gefangen gehalten sowie mit Elektroschocks und Psychopharmaka gefügig gemacht. Zur Auswanderung nach Chile hat er sie bewegt, indem er ihnen mit dem angeblichen Einmarsch der Russen Angst eingejagt hat. Kinder, die er für seine sexuellen Perversionen missbrauchte, hat er unter Vortäuschung falscher Tatsachen nach Chile entführt. Wer die Flucht wagte, wurde vom Militär aufgegriffen, das im Gegenzug eine Unterstützung durch die einer Sekte ähnelnden Siedlung erfuhr, was Diktator Pinochet an die Macht verhalf, der wiederum seine Gegner auf dem weitläufigen Areal foltern ließ. Selbst Angehörige der deutschen Botschaft waren korrupt, boten den Flüchtenden keine Hilfe und lieferten sie ihren Peinigern aus. Aber auch die UNO und Amnesty International, die seit 1976 von den Vorwürfen wussten, unternahmen nichts. Außenminister Steinmeier, der erst kürzlich die Akten unter Umgehung der regulären Schutzfrist freigab, räumte in einer Erklärung immerhin ein, dass „bestenfalls weggeschaut“ wurde. Anja Jonuleit wagt in ihrem Roman Rabenfrauen eine Aufarbeitung der damaligen Ereignisse.

Die beiden Gymnasiastinnen Ruth und Christa lernen im Jahr 1959 Erich kennen und verlieben sich in ihn. Wie Paul Schäfer gehört auch er einer Gruppe von Freikirchlern in einem Zeltlager an. Onkel Paul, wie er sich nennt, lädt die Mädchen zu einem Bibelabend am Lagerfeuer ein, und im Gegensatz zu Ruth ist Christa für seine Predigten empfänglich. Als sie von Erich ein Kind erwartet, bricht sie mit ihrem Elternhaus. Sie will Schäfer mit ihrer jungen Familie nach Chile folgen und sieht voller Zuversicht einer glücklichen und vom Christentum geprägten Zukunft entgegen.

Noch vor der Trennung von ihrer besten Freundin verfolgt Ruth mit Skepsis, wie Christa sich verändert und zunehmend fremdbestimmt wird. Die zu Hause gebliebene Ruth schließt die Schule ab, macht eine Ausbildung und heiratet. Jahrzehnte später erhält sie Besuch von ihrer Tochter Anne, deren Lebensgefährte Maximilian im Moor ums Leben kam. Renate, eine neu zugezogene Nachbarin, soll Anne zu der Unglücksstelle führen, wobei sie erfährt, dass Renate in Chile aufgewachsen ist. Als Anne den Computer von Maximilian sichtet und auf Mails von einem Rechtsanwalt stößt, kommt ihr der Verdacht, dass die darin erwähnten Personen mit Renate und ihrem Mann Horst identisch sind. Darauf angesprochen, berichten ihr die beiden von ihrer grauenvollen Vergangenheit in der Colonia Dignidad. Anne recherchiert im Internet und je mehr sie sich in diese unheilvolle Geschichte vertieft, umso mehr kommt sie zu dem Schluss, dass ihre Mutter Ruth ihr etwas verschweigt.

Anja Jonuleit hat für ihren Roman Rabenfrauen ein interessantes stilistisches Mittel gewählt: Die Rahmenhandlung, die das aktuelle Geschehen beleuchtet, wird in der Erzählperspektive wiedergegeben, während Ruth in der Ich-Perspektive in anderer Schriftart berichtet und Christa zur Unterscheidung ihre Erzählungen in kursiven Lettern. Um eine realitätsgetreue Wiedergabe der Ereignisse geben zu können, ist die Autorin selbst nach Chile geflogen, um direkt vor Ort mit Betroffenen zu sprechen, die noch heute in der Villa Baviera leben. Mit ihrem Roman Rabenfrauen hat sie ein dunkles Kapitel auf so gefühlvolle und verständliche Weise aufgearbeitet, dass ihr dafür großer Respekt gebührt.

Anja Jonuleit, Rabenfrauen, Deutscher Taschenbuch Verlag 2016, Klappenbroschur, 399 Seiten, ISBN 978-3-423-26104-3, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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