Eines Nachts erwartet Juliette Tolédano mit dem Pfleger Guillaume die Ankunft eines Schwerverletzten auf der Intensivstation. Der diensthabende Chirurg hat alles gegeben, um den Arm des erst 25-jährigen Feuerwehrmannes Roméo Fourcade zu retten, nachdem dieser durch den Druck einer explodierenden Gasflasche bei dem Versuch, ein Kind aus einer brennenden Wohnung zu retten, aus dem achten Stock von der Leiter geschleudert wurde. Als er wieder das Bewusstsein erlangt, hat er zunächst keine Ahnung, wie es um ihn steht. Doch dann verfällt er in Selbstmitleid und sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr. Juliette kann ihn mit ihrer einfühlsamen Art aufbauen, und trotz knapper Zeit hält sie ihm immer wieder liebevoll die Hand. Roméo sehnt die Tage herbei, an denen sie Dienst hat.

Wie schwer es Juliette momentan hat, ahnt Roméo nicht, denn sie unterzieht sich einer Hormonbehandlung, um endlich ein Kind zu bekommen. Dauernd fühlt sie sich müde und ist den Strapazen der Wechselschicht kaum gewachsen, wofür ihr Lebenspartner Laurent, der als Bankleiter einen gut bezahlten Posten bekleidet, allerdings wenig Verständnis zeigt. Trotz ihrer eigenen, unglücklichen Situation vermag Juliette ihren Patienten aufzuheitern, zumal sie weiß, dass er als Erziehungsberechtigter für seine erst vierzehnjährige Schwester Vanessa die Verantwortung trägt. Als die ausgerechnet auch noch während seiner Immobilität auf die Unterstützung einer erwachsenen Person angewiesen ist, bietet Juliette ihre Hilfe an. Roméo fühlt sich ihr zu Dank verpflichtet und schreibt ihr aus der Reha. Der Briefkontakt ist Laurent jedoch ein Dorn im Auge.

Agnès Ledig schreibt den einfühlsamen Roman Das Einzige, was jetzt noch zählt jeweils im Wechsel aus der Perspektive von Roméo und Juliette, wobei jedem Leser natürlich sofort die Parallele zu der Tragödie Romeo und Julia von Shakespeare auffällt. Unterbrochen werden diese Ich-Erzählungen aber noch durch Tagebucheintragungen von Vanessa, der Schwester von Roméo, und einmal auch durch einen Brief von Malou, wie Juliette ihre in einem Heim lebende Oma liebevoll nennt, die nicht an Zufälle im Leben, sondern an ein vorherbestimmtes Schicksal glaubt.

Kritisch bemerkt die Autorin die Situation auf den Krankenstationen oder in den Pflegeheimen, wo die Patienten einfach am Bett fixiert werden, anstatt sich für sie Zeit zu nehmen. Fallen Mitarbeiter aufgrund einer Krankschreibung aus, müssen die wenigen noch verbleibenden Schwestern und Pfleger ihre Arbeit bei der ohnehin zu dünnen Personaldecke noch auffangen. Agnès Ledig schreibt auch ganz selbstverständlich von der Sehnsucht alter Menschen nach sexueller Liebe. Da sie selbst Hebamme ist, gibt sie natürlich auch einen Teil ihres Wissens weiter, beispielsweise beim Thema Verhütung oder möglichen Verletzungen nach einer Vergewaltigung.

Genau wie ihr Buch Kurz bevor das Glück beginnt hat sie auch Das Einzige, was jetzt noch zählt als Frau für Frauen geschrieben. Wenn zu Anfang noch das Leid des verunglückten Feuerwehrmannes im Vordergrund steht, so ist zunehmend von einer unglücklichen und sich ungeliebt fühlenden Juliette die Rede, die von ihrem Freund eine Kränkung nach der anderen erfahren muss. Sind die Handlungsorte zunächst auf das Krankenhaus oder Pflegeheim beschränkt, so entführt die Autorin den Leser zum nicht vorhersehbaren Schluss in die atemberaubende, schweizerische Bergwelt.

Agnès Ledig, Das Einzige, was jetzt noch zählt, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2016, Klappenbroschur, 360 Seiten, ISBN 978-3-423-26108-1, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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