Seit zwei Jahren geht die erst zwanzigjährige Julie Lemaire nun schon ihrer Arbeit als Kassiererin in einem Supermarkt nach. Sie hasst ihren Job und vor allem ihren Chef Chasson, der seine Angestellten schikaniert, Liebesdienste einfordert und mit Kündigungen droht. Doch für ihren fast dreijährigen Sohn Ludovic, den sie Lulu nennt, tut sie alles. Von ihren Eltern verstoßen, hatte Julie nur das Abitur machen können und musste auf ein geplantes Studium verzichten. Heute hat sie nicht einmal genug Geld, um ihren Sohn in der Mittagspause zu besuchen und kann sich auch kein Telefon leisten.

Eines Tages steht ein Kunde an ihrer Kasse an, dem ihre Niedergeschlagenheit auffällt. Paul Moissac, der selbst erst kürzlich von seiner Frau verlassen wurde, will Julie aufmuntern und lädt sie zum Essen ein. Julie reagiert misstrauisch und kurz angebunden. Zunächst lehnt sie das Angebot ab, lässt sich dann aber doch umstimmen. Paul, der als Vermögender in einer völlig anderen Welt lebt, hört sich fassungslos Julies Erklärungen zu ihrer finanziellen Notlage an. Nur eine Woche später macht er Julie überraschend einen weiteren Vorschlag: Sie soll mit ihm, seinem Sohn und natürlich auch mit ihrem Kind am nächsten Morgen in die Bretagne fahren, wo er ein Ferienhaus besitzt. Julie ist hin und her gerissen. Sie kennt Paul kaum und hat Angst, aber sie hat auch noch nie das Meer gesehen. Außerdem hat sie genau ab morgen Urlaub.

Paul stellt seinen Sohn Jérôme, der seit zehn Jahren als Landarzt tätig ist und der den Tod seiner Frau noch nicht überwunden hat, vor vollendete Tatsachen. Er ist alles andere als begeistert, dass sein Vater eine wildfremde und offensichtlich minderbemittelte Frau mit in den Urlaub nimmt und die zu allem Überfluss auch noch ein kleines Kind mitbringt. Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes, was nicht nur das Leben der vier völlig umkrempelt. Denn auch für Jérômes Vertretungsärztin Caroline ändert sich etwas, Julies beste Freundin Manon ist davon betroffen und auch auf den Physiotherapeut Romain wartet eine Veränderung.

Agnès Ledig weckt beim Leser bereits auf den ersten Seiten ihres Romans Kurz bevor das Glück beginnt das Interesse am Fortgang der Handlung. Auch wenn man so selbstlose und spendable Menschen wie Paul im wirklichen Leben kaum antrifft, so wird die Figur von der Autorin zumindest authentisch dargestellt. Das Gleiche gilt für seinen zunächst mürrischen Sohn Jérôme und natürlich erst recht für Julie, die sich für ihren Sohn aufopfert und die auf keinen Fall einen Macho großziehen will. Während die erste Hälfte des Buches Abenteuerlust weckt und die Neugier des Lesers auf die weitere Entwicklung anfacht, ist der Rest umso gefühlvoller. Denn eine einschneidende Begebenheit trifft nicht nur die Protagonisten unvorbereitet, sondern auch der Leser wird von der Wendung überrascht.

Es kommt nicht von ungefähr, dass in dem Buch Nabelschnurvorfall, Stillbüstenhalter, Vulvakarzinom oder Beckenboden thematisiert werden, denn Agnès Ledig ist Hebamme und hat ihr Wissen in die Handlung eingeflochten. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass sie die Bedeutung des Sprechens mit im Koma liegenden Patienten hervorhebt oder auch, wie die Erfahrung eines Arztes teure und oftmals unnötige Untersuchungen ersetzen kann. Der bewegende und gefühlvolle Roman Kurz bevor das Glück beginnt kann ihr nur von ihrem Herzen diktiert worden sein und kaum einen Leser wird er nicht zu Tränen rühren.

Agnès Ledig, Kurz bevor das Glück beginnt, Deutscher Taschenbuch Verlag 2015, Klappenbroschur, 404 Seiten, ISBN 978-3-423-26058-9, Preis: 14,90 Euro.

Wie bewerten Sie dieses Buch? schrecklichschlechtdurchschnittlichgutausgezeichnet 2 Stimme(n) | Bewertung 4,50 | Sie müssen sich registrieren, um am Leservoting teilzunehmen.
Loading...

Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *