Das Nachtfräuleinspiel von Anja Jonuleit

Das NachtfräuleinspielEnde der 1980er Jahre stellte die Ärztin Dr. Martha Welch die von ihr entwickelte Festhaltetherapie in einem Buch vor. Die tschechische Psychologin Irina Prekop hat die Therapie weiterentwickelt, die später an deutschen Volkshochschulen interessierten Müttern in Kursen vorgestellt wurde. Schon kleine Kinder werden dabei gegen ihren Willen und mit aller Kraft von der Mutter mit Gewalt festgehalten. Bis heute ist diese Therapie, die Gegner aufs Schärfste verurteilen, umstritten. Anja Jonuleit, selbst Mutter von vier Kindern, hat sich intensiv mit dieser Erziehungsform auseinandergesetzt und sie in ihrem Roman Das Nachtfräuleinspiel thematisiert.

Liane arbeitet in einem städtischen Kindergarten, als sie Carl kennenlernt. Er lebt in einer Kommune, in der die freie Liebe propagiert wird. Kurze Zeit später zieht Liane in die Kommune und will mit allen Mitteln Carl für sich gewinnen, was ihr schließlich auch gelingt, obwohl er eigentlich Kathis Freund ist. Beide ziehen in eine eigene Wohnung, Carl schließt sein Medizinstudium ab und Liane wird diplomierte Psychologin. Trotz der fünf Kinder, die das inzwischen verheiratete Paar bekommt, engagiert sich Liane in einer von ihr gegründeten Waldorfschule, unterhält eine Praxis für Psychotherapie, ist erfolgreiche Autorin der Festhaltetherapie und moderiert die bekannteste Erziehungsdokumentation Deutschlands. Mit dem Erreichten könnte Liane zufrieden sein, wenn die mittlerweile fast Siebzigjährige nicht in einem anonymen Brief der Lüge bezichtigt würde und nicht als Familienretterin, sondern als Familienzerstörerin gilt.

Anja Jonuleit erzählt ihren Roman Das Nachtfräuleinspiel in drei Handlungssträngen, wobei sie den jeweiligen Kapiteln zum besseren Verständnis eine Zeitangabe voranstellt. Zum einen geht es um die Zeit des Zusammenlebens in der Kommune ab 1968, bis Liane ihr Ziel erreicht hat, Carl an sich zu binden. Des weiteren geht es um das Geschehen des Jahres 2017, in dem Liane auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere angelangt ist und von dem sie völlig aus der Bahn werfenden Brief erfährt, der ihr Angst macht. In einem weiteren Handlungsstrang schildert die Autorin das Schicksal der siebzehnjährigen Annemarie im Jahr 1986. Die in einem Heim Aufgewachsene lebt mit ihrer, dem Alkohol verfallenen Pflegemutter in einem Bahnwärterhaus. Als Annemarie von ihr verlassen und auch noch von ihrem Lehrer schwanger wird, der nichts mehr von ihr wissen will, steht sie plötzlich ganz alleine da. Zu allem Überfluss wird sie bei einem Narrenumzug, dessen Höhepunkt das harmlose „Nachtfräuleinspiel“ ist, auch noch vergewaltigt. Sie geht zur Polizei, wo man die Minderjährige an Liane vermittelt, die sie im „Haus der Glücklichen Familie“ aufnimmt. Noch glaubt die junge Frau, das große Los gezogen zu haben.

Es ist kein Zufall, dass Anja Jonuleit in ihrem Roman bis in die 1968er Jahre zurückgeht, in der gerade unter Studenten die Rollenverteilung der Geschlechter ein beliebtes Thema war, was sich im Plot in Gesprächen innerhalb der Kommune widerspiegelt. Ihre Protagonistin geht ganz in der von Rudolf Steiner begründeten Waldorfpädagogik auf und ernährt die Familie mit dogmatischem Eifer nach den Regeln von Max Otto Bruker, der eine Vollwertkost ohne schädlichen Zucker propagierte. Auch wenn Liane ihre Kinder niemals geschlagen hätte, so befürwortet sie die Festhaltetherapie. Ihre charakterlichen Eigenschaften sind verschlagen, gerissen und hinterlistig, weshalb der Roman mit einem spannenden Ende den Leser in Atem hält.

Anja Jonuleit, Das Nachtfräuleinspiel , dtv 2018, Klappenbroschur, 494 Seiten, ISBN 978-3-423-26199-9, Preis: 15,90 Euro.

Bildquelle: dtv

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