Die Enthüllungen durch Edward Snowden im Zusammenhang mit den Ausspähaktionen der NSA lassen vermuten, dass streng vertrauliche Mitteilungen von einigen Staaten nur noch in analoger Form weitergereicht werden. Hinter vorgehaltener Hand, so wird gemunkelt, soll der russische Geheimdienst bereits Schreibmaschinen geordert haben, damit im Internet keine Spuren brisanter Dokumente gefunden werden. Um etwaigen Hackern die Möglichkeit einer Entschlüsselung zu nehmen, ist der bei IBT im Vorstand arbeitende Richard Westermann in dem Roman Westermann & Fräulein Gabriele mit der Entwicklung einer ausspähsicheren Krypto-Box beauftragt. Sein Leben ist beherrscht von der digitalen Welt, die Teilnehmer bei Videokonferenzen nur noch zuschaltet. Doch als er durch ein Versehen an der Beerdigung des Schriftstellers Rupertus Höfer teilnimmt, sieht er auf dessen Sarg eine Schreibmaschine der Marke Olympia. Da er sie unbedingt in seinen Besitz bringen will, wendet er sich an Matthias Höfer, den Sohn des Verstorbenen.

Westermann überrascht seine Sekretärin Frau Marelli, seine Kollegen Philipp Achternbusch und Heinrich Hirtenhuber sowie seinen Chef Wetter mit einer Schreibmaschine in seinem Büro, die seine Aktion für einen Scherz halten. Gerade den jungen Kollegen Marc Dockhorn, der Westermann die Position streitig machen will, möchte er damit provozieren und kostet den Spaß aus, wie er alle an der Nase herumführt. Neben Matthias Höfer, der von Westermann die Löschung des Namens seines Vaters aus sämtlichen Webseiten verlangt, setzt dem von einem Tinnitus Leidgeplagten auch noch seine zweiundachtzigjährige Mutter Yolande zu, die plötzlich ihr Interesse für die digitalen Medien entdeckt hat. Eine Sicherheitslücke im Betrieb und eine außer Kontrolle geratene Pressekonferenz bereiten Westermann neben den Problemen mit seiner neuen Nachbarin weitere Sorgen.

Fast könnte man den Roman Westermann & Fräulein Gabriele als eine Hommage an die gute alte Schreibmaschine bezeichnen, bei der sich die einzelnen Buchstaben nur zu gern beim ungleichmäßigen Tippen ineinander verhakt haben. Katharina Münk erinnert nicht nur an die typischen Tippgeräusche, sondern auch an die ersten Bildschirme der PC’s mit grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund. Sie wirft Fragen wie die nach dem Datenschutz bereits Verstorbener auf, wenn für diese noch Mails in ihrem Account eingehen und macht kritische Anmerkungen zur Herausgabe von Kontodaten.

Zu Beginn des Romans mag sich der Leser über vielerlei Begriffe wundern, denn die Autorin lässt ihre Protagonisten nicht googeln, sondern stroodeln, bei Wikilidia recherchieren und als soziales Netzwerk Tracebook nutzen. Über Sätze wie „Noch ist die Ashampoo Anti Malware für den De-Connect-Schirm nicht final installiert“ stolpert der Leser immer wieder, wohingegen er sich köstlich über Westermanns Mutter Yolande amüsiert, die im „Internetz I-Mehls“ versendet oder „schettet“ und sich mit ihrem „Sörwer“ abmüht. Weiter zeichnen den Roman geniale Sprüche wie „den Wahnsinn auf Sinn überprüfen“ und makaber wirkende Szenen aus, die kaum zu überbieten sind. Genau so verhält es sich mit einem Bären, den Westermann dem Sohn des verstorbenen Schriftstellers aufbindet, als er ihm von magnetischen Sensoren berichtet, die Anschläge einer mechanischen Schreibmaschine aufzeichnen können. Der Roman Westermann & Fräulein Gabriele ist Satire pur auf hohem Niveau und greift am Ende überraschend einen zu Beginn ausgelegten Faden auf.

Katharina Münk, Westermann & Fräulein Gabriele, Deutscher Taschenbuch Verlag 2015, Klappenbroschur, 352 Seiten, ISBN 978-3-423-26082-4, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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