Tino Hemmann greift in der Erzählung Hugo – Der unwerte Schatz das wohl düsterste Kapitel der deutschen Vergangenheit auf: Die systematische Tötung von geistig und körperlich Behinderten sowie all derer, die nicht ins System der Nationalsozialisten passten. Um dem Leser die unfassbaren Gräueltaten schildern zu können, bedient sich der Autor einer fiktiven Geschichte um einen Jungen, der stellvertretend für das Schicksal viel zu vieler Kinder steht:

Hugo erblickt am 24. Dezember 1931 in Leipzig das Licht der Welt. Sein Vater weiß, dass dieses Kind nicht von ihm ist und misshandelt den erst acht Monate alten Knaben mit einem Schürhaken. Er straft das Kind mit Verachtung und prügelt es oft bis zur Bewusstlosigkeit. Aus tiefster Verzweiflung erschafft sich Hugo einen imaginären Zwilling, den er Fritz nennt und der an seiner Statt die Prügel vom Vater bezieht. Bei der Untersuchung zur Einschulung stellt der Arzt zwar fest, dass der Junge überdurchschnittlich begabt ist und bereits abstrakte Aufgaben lösen kann. Doch erst seine Selbstgespräche, die er mit Fritz führt, erregen die Aufmerksamkeit des Arztes, der von dem Krankheitsbild einer gespaltenen Persönlichkeit fasziniert ist.

Ein ganz besonderes Interesse hat von nun an Herr von Rasch an Hugo, der die Gehirne Schizophrener erforschen will. Hugo steht von nun an unter seiner Beobachtung. Der Knabe kommt in die Schule und findet in seinem Lehrer einen verständnisvollen Freund. Sein schönstes Erlebnis wird ein Ferienlager bleiben, bei dem die Kinder auf dem Heuboden schlafen und bei der Kartoffelernte helfen. Einen Vertrauten hat er auch in Professor Walter von der Kinderklinik, der sich sogar selbst in Gefahr bringt, um dem Kind zu helfen. Denn von Rasch ist besessen darauf, das Gehirn von Hugo zu Versuchszwecken zu bekommen.

Die Erzählung ist eine Dokumentation der Machtergreifung Hitlers und seiner Vorbereitungen auf den Krieg. Erst werden Nichtangriffspakte unterzeichnet, dann der Blitzkrieg gegen Polen gestartet, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert. Detailliert werden die letzten Augusttage 1939 geschildert und Stellungnahmen europäischer Staatsoberhäupter wiedergegeben. In diese Fakten eingebettet ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der nie Liebe erfahren hat, dafür aber umso mehr Schläge. Hugos Leidensweg geht dem Leser durch Mark und Bein. Denn das Euthanasieprogramm T4, das streng geheim war, hat es gegeben und ihm sind unzählige Kinder zum Opfer gefallen. So unglaublich das auch klingen mag, aber auch heute wird noch darüber diskutiert, ob Behinderte ein Recht auf Leben haben. Monika Hey hat das in ihrem Buch Mein gläserner Bauch eindrucksvoll aufgegriffen.

Erschütternd ist auch die Tatsache, dass der im Buch genannte Kinderarzt Catel, der viele Menschenleben auf dem Gewissen hat, sogar noch 1954 zum Professor für Kinderheilkunde an der Uni Kiel ernannt wurde. So fragt der Autor zu Recht, wie so viele Ärzte die Tötung von Menschen damals mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, da sie doch den hippokratischen Eid geleistet haben. Das Genfer Gelöbnis, das an seine Stelle getreten ist, muss allerdings von den deutschen Ärzten auch nicht geleistet werden und hat in unserem Land keine Rechtskraft – warum auch immer. Für Hugo – Der unwerte Schatz hat Tino Hemmann lange und ausgezeichnet recherchiert. Die Erzählung nimmt den Leser in jeder Hinsicht mit und wird ihn viel Kraft kosten. Trotzdem sollte sie zur Pflichtlektüre werden, damit sich so etwas nie wiederholt!

Tino Hemmann, Hugo – Der unwerte Schatz, Engelsdorfer Verlag 2009, Hardcover, 392 Seiten, ISBN 978-3-86901-500-2, Preis: 8,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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