„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern…“, heißt es bei Friedrich Nietzsche in Über Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinn. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Katharina Tiwalds Roman Die Wahrheit ist ein Heer.

Das Mädchen G wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt in der Provinz auf. Zum Schulbeginn teilt ihr der Vater mit, dass nun der Ernst des Lebens beginnt. Doch zunächst beginnt die Schulzeit mit einer Schultüte voller Süßigkeiten und ähnlichen Dingen. Im Unterricht wird dann das Führen der Füllfeder geübt und der Schreibvorgang erlernt. Nach dem letzten Schuljahr auf der Volksschule wechselt das Mädchen G die Schule und einige aus ihrer Klasse wechseln mit. Sie ist verunsichert, denn zum Gymnasium muss sie mit dem Bus fahren und früher aufstehen. Das Tempo und das Wissen müssen erst einverleibt werden. Selbst alte Volksschulallianzen werden brüchig. Das Mädchen G bekommt Probleme mit Mathe und das erste „Genügend“ für eine Schularbeit, die Ernst G als einen papierenen Stein auf dem Lebensweg der Tochter ansieht. Sie versucht Freundinnen zu finden und lädt ihre Sitznachbarin Lisi Zittl nach Hause ein. Martha G hat extra Brötchen vorbereitet, doch der Nachmittag wird ein Desaster.

Als Gottfried Blech wie selbstverständlich in die Klasse kommt, sehen sich die Jungen einem komplexen Körperberg mit einem Anflug von Barthaaren gegenüber. Manche ahnen die Gefahr und gehen ihm aus dem Weg. Doch Blech legt sich auch mit der Lehrerin Knaus an und der Mathematikunterricht wird für die Knausschen Klassen zu Foltereinheiten. Die Mathematikprobleme des Mädchens G verfestigen sich. Im folgenden Frühjahr triff sich das Mädchen G mit dem Migranten Nebojša Cvijetinović und zwischen ihnen entwickelt sich eine Freundschaft. Doch als sie ihn verführen will und er dabei versagt, gehen die beiden auf Distanz. Gottfried Blech nutzt die Gelegenheit aus und verschafft ihr den Ruf, dass sie mit jedem fickt. Woraufhin sie zu Hause das Buch Hundert Jahre Einsamkeit liest und die Schlaftabletten ihrer Mutter schluckt.

Die Protagonistin, deren Name geheim bleiben soll und die nur das Mädchen G genannt wird, erinnert an Herrn K von Franz Kafka, dessen Werk zu großen Teilen aus nicht vollendeten Entwürfen und Fragmenten besteht. Dieser Eindruck entsteht auch bei der Lektüre des Romans Die Wahrheit ist ein Heer von Katharina Tiwald. Der Schreibstil der Autorin ist eine Zumutung für den Leser, denn sie ignoriert nicht nur gelegentlich die Regeln für den Satzbau. So enthält der Roman Sätze, die nur aus einem Wort bestehen, aber auch Sätze, die zwar mehrere Worte umfassen, denen trotzdem keine Bedeutung zugrunde liegt. Ein Sinn ergibt sich dabei auch nicht im Zusammenhang mit vorherigen oder folgenden Sätzen. Was laut Klappentext ein sprachliches Experiment sein soll, ist eine Ansammlung unsinniger Wortspielereien. Eine Qual für den Leser, denn das Buch ist weder spannend noch fesselnd. Die Autorin versteht es nicht, den Leser mitzunehmen und er kann ihren Gedankengängen nicht folgen. Es gibt verschiedene Gründe ein Buch zu lesen, doch keinen Grund dafür, warum man Die Wahrheit ist ein Heer von Katharina Tiwald lesen sollte.

Katharina Tiwald, Die Wahrheit ist ein Heer, Styria Premium 2012, Hardcover mit Schutzumschlag, 201 Seiten, ISBN 978-3-222-13365-7, Preis: 24,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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