In den 1960er Jahren herrschen in den Wintermonaten noch Minusgrade vor und es lag Schnee auf den Straßen, während es die Menschen im Ruhrgebiet in den Sommermonaten an den Kanal oder ins Freibad lockte. Elke Schleich lässt in ihrem Roman Gummitwist in Schalke Nord in achtzehn Geschichten alte Erinnerungen an eine Zeit aufleben, die für viele junge Menschen heute unvorstellbar ist.

Leni wohnt mit ihren Eltern und den älteren Geschwistern Uschi und Berni in Gelsenkirchen-Schalke. Zu ihrem sechsten Geburtstag wünscht sie sich nichts sehnlicher als ein Pferd, doch können ihr die Eltern diesen Wunsch nicht erfüllen. Auf ihre Freundin ist sie neidisch, als die im Zoo auf einem Pony reiten darf und die Freundschaft wäre fast durch einen Angriff älterer Jungen aus der Nachbarschaft zerbrochen. Ihre Liebe zum Kaffee entdeckt Leni an ihrem zehnten Geburtstag und endlich darf sie mit ihrem Bruder alleine zum Freibad Grimberg, auch wenn sie letztlich im Rhein-Herne-Kanal ein erfrischendes Bad nehmen. Mit elf Jahren tritt Leni ihre erste Reise zu Verwandten im Erzgebirge an. Es geht mit der Dampflokomotive in die Ostzone und wegen einiger Horrorberichte fürchtet sie, dass Gegenstände beschlagnahmt oder Stofftiere an der Zonengrenze aufgeschlitzt werden.

Mit ihrer Schwester Uschi besucht Leni die Kirmes auf dem Wildenbruchplatz und mit einer neuen Mitschülerin darf sie zum ersten Mal beim Reitunterricht zusehen. Als sich Leni gerade verliebt hat und mit zur Glückauf-Kampfbahn darf, erlebt sie eine herbe Enttäuschung. Es folgt ein Umzug von Schalke nach Bismarck und zum siebzehnten Geburtstag wird Leni mit einem besonderen Geschenk überrascht. Außerdem hat sie endlich genug Geld für die lang ersehnten Reitstunden gespart.

Es sind weniger die persönlichen Erlebnisse von Leni, die das Interesse des Lesers wecken, als vielmehr die in Vergessenheit geratenen Erinnerungen, die plötzlich bei der Lektüre wieder zum Leben erweckt werden. Wer könnte es vergessen haben, wie Kartoffelhändler mit ihrem Pferdefuhrwerk durch die Straßen zogen? In einer Geschichte hat die Autorin sogar dem letzten Grubenpferd der Zeche Nordstern ein Denkmal gesetzt und lässt weder die damals bei den Bergleuten gefürchtete Steinstaublunge, noch die Kohlenteute oder die mit Kohlen beladenen Kanalschiffe unerwähnt. Elke Schleich erinnert an die ersten Fernsehgeräte und an Sendungen wie Fury oder das Intermezzo. Vor dem geistigen Auge des Lesers erscheint die Musikbox mit den Platten der Beatles, Stones oder Lords und er schmunzelt bei dem Gedanken an die wöchentlichen Tipps aus der Bravo, die alle Fragen zum Küssen beantwortet haben.

In den Kneipen standen Flipperautomaten, Kaffeebohnen wurden in hölzernen Handmühlen gemahlen, junge Damen toupierten sich die Haare und die Kirmes lockte verliebte Paare mit einer Raupe, die ihnen unter dem Verdeck ein paar ungestörte Augenblicke schenkte. Mädchen tauschten Glanzbilder, zum Zeitvertreib wurden mit Wollfäden Figuren über die Finger gehoben und natürlich wurde auch Gummitwist in Schalke Nord gespielt. Ältere Semester fühlen sich bei dem Buch an alte Zeiten erinnert, was die Autorin mit einigen alten Fotos aus der Zeit noch unterstreicht. Ganz besonders kommen natürlich all die Leser auf ihre Kosten, die mit den Stadtteilen Schalke und Bismarck etwas Besonderes verbindet.

Elke Schleich, Gummitwist in Schalke Nord, Stories & Friends Verlag 2012, Hardcover, 220 Seiten, ISBN 978-3-942181-16-7, Preis: 18,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Eine wirklich gute Buchbeschreibung! Das Buch ist sehr zu empfehlen und erinnert mich immer wieder an meine Kindheit!

  2. Ich habe mich auch an viele Situationen erinnert, die schon ganz tief in meinem Unterbewusstsein geschlummert haben.

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