Bomben auf Auschwitz von Konrad Pilger

Bomben auf AuschwitzWas würde heute in den Geschichtsbüchern stehen, wenn es einer couragierten Person wie Emily Brown in dem Roman von Konrad Pilger gelungen wäre, dem systematischen Morden der Deutschen in den Konzentrationslagern Einhalt zu gebieten? Als Auswerterin von Luftaufnahmen sind ihr die Deportationen Tausender aufgefallen, woraufhin sie sich Informationen aus erster Hand besorgt, um letztlich den Oberbefehlshaber der britischen Luftstreitkräfte, Arthur Harris, mit vorgehaltener Pistole zum Abwurf von Bomben auf Auschwitz zu zwingen.

So viel zur Inhaltsangabe. Doch dieses Szenario hat Konrad Pilger lediglich als Rahmenhandlung genutzt, um an geschichtsrelevante Geschehnisse zu erinnern. Zu lesen ist von der als Spionin berühmt gewordenen Mata Hari sowie der auf dem Scheiterhaufen verbrannten Jeanne d’Arc. Der Autor erwähnt die Schlachten von Verdun, Arras und Somme, beklagt die an rund acht bis zehn Millionen Kongolesen begangenen Gräueltaten der belgischen Kolonialisten zwischen 1888 und 1908, das traurige Dasein von Millionen Kulis in Indien und die Unterdrückung der Bevölkerung Südtirols. Er schreibt von den Angriffen auf Pearl Harbor sowie der Invasion in der Normandie und weiß von der Irrfahrt des Schiffes St. Louis von Mai bis Juni 1939 zu berichten, mit dem sich jüdische Emigranten auf den Weg nach Kuba machten, wo ihnen jedoch das Anlegen verweigert wurde. Unerwähnt lässt er auch nicht die Zerstörung der Möhnetalsperre in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 mit speziell hierfür entwickelten Rollbomben, die übrigens in derselben Nacht auf die Eder- und Sorpetalsperre geworfen wurden.

Eine perfide Entwicklung des Luftkrieges attestiert der Autor dem britischen Offizier Hugh Montague Trenchard mit dem gezielten Einsatz von Spreng-, Brand- und Zeitbomben, wobei er detailliert die schrecklichen Auswirkungen aufführt. Er erinnert an den von Deutschen verübten schweren Bombenangriff im November 1940 auf die englische Industriestadt Coventry, der viele Todesopfer unter der Zivilbevölkerung forderte, und an den Offizier Jan Karski: Unter diesem Tarnnamen hat er sich sowohl in ein Vernichtungslager, als auch in das Warschauer Ghetto eingeschleust und seine schrecklichen Erlebnisse Politikern und Kirchenvertretern zur Kenntnis gebracht, jedoch ohne Erfolg, weil man ihm keinen Glauben schenkte.

Wie bei allen zuvor aufgeführten Themen kann Konrad Pilger auch eine gute Recherche hinsichtlich florierender Geschäfte von Rolls Royce mit dem Panzerwagen Armoured Car attestiert werden. Was die britische Maschine De Havilland DH.98 Mosquito anbelangt, weiß er ebenfalls mit Details zu überzeugen, und auch seine Waffenkenntnisse sind mit ausführlichen Schilderungen zu deren Handhabung beachtlich. Zum Prager Spion Paul Thümpel, der sich neben weiteren Decknamen zeitweise auch A 54 oder Franta nannte und laut Konrad Pilger bereits sechs Wochen vor dem Angriff auf Polen davon gewusst haben soll, weiß allerdings der Spiegel mit der Ausgabe 14/1966 zu berichten, dass er erst Anfang August 1939 einen „in den nächsten Wochen“ vorbereiteten Angriff auf Polen ankündigte.

Der Roman Bomben auf Auschwitz beschränkt sich in erster Linie auf den Dialog zwischen Emily Brown und Arthur Harris, wobei jeder versucht, den anderen von seiner Position zu überzeugen. Mal scheint der eine die Oberhand zu gewinnen, mal der andere. Emily will Arthur so lange „in Schach halten“, bis ihre Forderung erfüllt ist. Zwei weitere Handlungsstränge, bei denen es zum einen um einen kleinen Jungen geht, der als Jude mit seiner Familie in ein Lager deportiert wird, und zum anderen um den Flight Lieutenant Derek Walker, der zu einem Aufklärungsflug aufbricht, unterbrechen das Gespräch von Emily und Arthur lediglich zu Anfang.

Der Plot bietet eine geballte Ladung an wissenswerten Informationen, die jedoch in keinster Weise Langeweile aufkommen lassen. Da die Handlung überwiegend in einem lebendig gehaltenen Dialogstil verfasst ist, fällt es schwer, die Neugier auf das weitere Geschehen zu bremsen. Der Roman wirft eine Reihe von Fragen auf und macht nachdenklich. Auf den Punkt gebracht könnte man sagen, dass er sich in memoriam allen verfolgten, unterdrückten oder unter Kriegshandlungen leidenden Menschen widmet.

Konrad Pilger, Bomben auf Auschwitz, Scheinwerfer Verlag 2019, Broschur, 152 Seiten, ISBN 978-3-948098-00-1, Preis: 9,99 Euro.

Bildquelle: Scheinwerfer Verlag

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Wie bewertest du dieses Buch? schrecklichschlechtdurchschnittlichgutausgezeichnet 5 Stimme(n) | Bewertung 4,80
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2 Gedanken zu “Bomben auf Auschwitz von Konrad Pilger

  1. Habe mir das Buch nach Ihrer Kritik besorgt. Ich kann jedes Ihrer Worte unterschreiben, Beatrix. Liest sich spannend und ist sehr informativ. Obwohl ich viel über Zeitgeschichte lese war mir vieles davon neu. Werde ich im Bekanntenkreis empfehlen. Danke für den Tipp.

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