Noch an ihrem Hochzeitstag erfährt Anne Glawe etwas über ihren frisch vermählten Fabio, das sie in eine tiefe Krise stürzt. Hals über Kopf verlässt sie ihren italienischen Ehemann, und anstelle der geplanten Hochzeitsreise führt sie ihre Flucht im Hochzeitskleid von Berlin nach Zicker an die Ostsee. Die erste Nacht verbringt sie am Strand, und dem ersten Menschen, dem sie am nächsten Morgen dort begegnet, ist ausgerechnet Fritz. Bei der mittlerweile Vierunddreißigjährigen werden Erinnerungen an ein Ferienlager vor zwanzig Jahren wach, als sie von Fritz ihren ersten Kuss bekam. Seine Eltern, die sich noch gut an die Zeit der Ferienlager erinnern, bereiten Anne einen herzlichen Empfang und bieten ihr eine Ferienwohnung an.

In Gesprächen mit den Anwohnern erfährt Anne, dass in der Nähe des Naturschutzgebietes ein Luxushotel gebaut werden soll, was allen missfällt. Nachdem Anne den eher mürrischen und wortkargen Fritz, der als Fischer arbeitet, näher kennen lernt und feststellt, dass er ihr immer sympathischer wird, will sie sich mit einer Petition für den Erhalt eines alten Hauses stark machen, das dem Projekt weichen müsste. Anne kann dabei auf ihre Erfahrungen in ihrem Job bei einer PR-Agentur zurückgreifen. Doch so sehr sie sich engagiert, muss sie sich auch über ihre Gefühle zu Fritz im Klaren werden und das Gespräch mit Fabio suchen.

Katharina Jensen lässt die Protagonistin ihres Romans An der Ostsee sagt man nicht Amore, die den Leser immer wieder direkt anspricht, in der Ich-Form berichten. Während Fritz, der nur das Nötigste antwortet, wenn überhaupt, ein spröder Charme umgibt, so lässt die Autorin Anne ein Leben führen, das dem Normalbürger fremd bleibt. Anne betreut Luxuskunden für Gucci und Rolex, trägt ein Kleid von Missoni, das locker eintausend Euro und mehr kostet und Louboutin-Pumps, die für kaum weniger als die Hälfte zu bekommen sind.

Auch wenn das Dorf Zicker der Fantasie der Autorin entsprungen ist, so ist auch Katharina Jensen wie ihre Protagonistin in Stralsund aufgewachsen und später nach Berlin gezogen. Insofern überrascht es nicht, wenn sie sowohl von der Bundeshauptstadt, als auch von Rügen, wo ihr Roman angesiedelt ist, eine Menge Insiderwissen preisgeben kann. Die Lebensart der Bewohner und insbesondere das Leben der Fischer beschreibt sie authentisch und es verwundert nicht, dass sie als Absolventin eines Psychologiestudiums äußerst lebensnah den Zwiespalt und die Zerrissenheit einer Frau schildern kann, die sich zwischen zwei Menschen entscheiden muss und sich gefühlsmäßig in einem Ausnahmezustand befindet.

Der von der Autorin gewählte Erzählstil verzichtet in weiten Teilen auf den Einsatz der wörtlichen Rede. Doch langweilt das den Leser nicht in der zu erwartenden Weise, weil er das Gefühl hat, einer Geschichte, ähnlich wie in einem an ihn gerichteten Brief, zu folgen. Ganz nebenbei erfährt er, dass Katzen einen Einfluss auf Herzkrankheiten bei Menschen haben können. Durch das Schnurren mit einer Frequenz von 22 bis 30 Hertz können beim Menschen Schlafstörungen und Bluthochdruck günstig beeinflusst werden und die durch das Schnurren auftretenden Vibrationen fördern sogar bei der Katze den Knochenwuchs und damit die Heilung nach einem Bruch. Der in einem flüssigen und lockeren Schreibstil verfasste Roman An der Ostsee sagt man nicht Amore ist ein Plädoyer dafür, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen. Der eine oder andere mag sogar mit der Auseinandersetzung der von der Protagonistin aufgeworfenen Fragen seine eigene Beziehung reflektieren.

Katharina Jensen, An der Ostsee sagt man nicht Amore, Heyne Verlag 2017, Taschenbuch, 320 Seiten, ISBN 978-3-453-41834-9, Preis: 9,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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