In dem schweizerischen Uhrendorf Saint-Imier schließen sich Zehn unbekümmerte Anarchistinnen zusammen, die von der Hoffnung auf den Sieg einer proletarisch-sozialistischen Revolution getragen werden, wie sie von der Pariser Kommune propagiert wird. Sie kämpfen für ein selbstbestimmtes Leben, das sie nicht so weiterführen wollen, wie es die Veränderungen des industriellen Aufschwungs vorsehen. Zunächst wandern nur Colette und Juliette nach Amerika aus, von deren Tod die Zurückgebliebenen jedoch bald erfahren. Trotz aller Zweifel glauben Valentíne und ihre Schwester Blandine, Jeanne, Lison, Émilie, Adèle, Mathilde und Germaine den Versprechungen der Werber und gehen 1873 mit ihren neun Kindern an Bord eines Schiffes, das sie nach Punta Arenas in den Süden von Chile bringen soll.

Die Frauen müssen mit ansehen, wie Deportierte der Pariser Kommune an Bord in Käfigen eingesperrt werden und müssen sich vor Plünderungen in Acht nehmen. Émilie verstirbt als Erste bei der Niederkunft eines Kindes. Am Ziel angekommen, führen die sieben verbliebenen Frauen ein beschwerliches Leben und können sich mit der Gründung einer Bäckerei und einem Uhrmacherladen gerade so über Wasser halten. Bevor sie ihre Reise entlang der chilenischen Küste zur Insel Juan Fernandez fortsetzen, verabschieden sie sich von Jeanne, die zurück bleibt. Und wieder heißt es von zwei weiteren Frauen Abschied zu nehmen, bevor es 1888 nach Argentinien geht, wo sich Valentíne in einen Wolkenkundler verliebt. In Buenos Aires nehmen die Frauen an Streiks teil und ihre Freunde kommen in Haft. Blandine fährt nach Hause in die Schweiz, Germaine erliegt der Cholera und Mathilde wird bei einer Demonstration von einem Schuss tödlich getroffen, während sie wie Valentíne ein schwarzes Halstuch trägt, mit der die Frauen ihre politische Gesinnung zur Schau tragen.

Daniel de Roulet macht es dem Leser mit dem Aufbau seiner Darlegungen nicht einfach, Zugang zu seinem historischen Roman Zehn unbekümmerte Anarchistinnen zu finden. Zu Irritationen trägt auch die Person des Erzählers bei. Denn zum einen berichtet Valentíne als die einzige Überlebende von den aufregenden Erlebnissen und bezeichnet sich selbst auch als die Berichterstatterin. Auf der anderen Seite wechselt sie in ihren Erzählungen, indem sie über Valentíne als eine dritte Person redet, die den Leser auch direkt anspricht.

Der Autor hat sowohl ein Porträt von rebellischen und ihrer Zeit vorauseilenden emanzipatorischen Frauen aufgezeichnet, als auch den politischen Tenor jener Zeit eingefangen. Wenn auch die Handlungspersonen von Daniel de Roulet frei erfunden sind, so hat er doch weitreichende Recherchen betrieben, unter anderem über die Ureinwohner wie die Ona-Indianer oder die Mapuchen. Und neben weiteren historisch belegten Personen soll Henri Rochfort nicht nur, wie im Roman erwähnt, Journalist bei der französischen Tageszeitung Figaro gewesen sein, sondern laut Wikipedia sogar ihr Herausgeber. Auch der Tod des argentinischen Oberst Ramón Lorenzo Falcón am 14. November 1909 entspricht der Historie, womit das Buch all denen ans Herz gelegt werden kann, die sich mit der sozialistischen Arbeiterbewegung identifizieren.

Daniel de Roulet, Zehn unbekümmerte Anarchistinnen, Limmat Verlag 2017, Hardcover mit Schutzumschlag, 186 Seiten, ISBN 978-3-85791-839-1, Preis: 24,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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