Anais und ihr Bruder Bruno leben zwar bei ihrer Mutter, doch verbringt Maria, die als Tänzerin in der Bar von Fred arbeitet, wo sie von Männern an der Stange bewundert wird, nur wenig Zeit mit ihren beiden Kindern. Bei Bedarf kümmert sich die Nachbarin Frau Wendeburg um sie. Während Anais, die für ihren Mitschüler Peter schwärmt, alles hinterfragt, führt Bruno dauernd ein großes Buch über die Brücken der Welt mit sich, ist wortkarg und antwortet nur einsilbig. Von Zeit zu Zeit erkundigt sich ein Mitarbeiter des Jugendamtes, ob es ihnen gut geht und sich ihre Mutter um sie kümmert. Denn in der Schule macht man sich Sorgen, weil die Kinder nicht zum Unterricht erscheinen.

Immer ist alles schön, redet sich Anais ein und hofft, dass tatsächlich eines Tages alles gut wird. In ihrer Fantasie erträumt sie sich eine Welt nach ihren Vorstellungen und Wünschen. Auch ihre Mutter Maria hatte einst den Traum von einem glücklichen und harmonischen Familienleben. Sie wurde schwanger, heiratete den Vater, einen Studenten, der jedoch zu ihrer Enttäuschung ständig in seinem Arbeitszimmer verschwand. Auf das Kind konnte sie sich nicht freuen, obwohl ihre Freundinnen sie darum beneideten und der Vater meinte, ein Kind bedeute Glück. Eines Tages verlangte er die Scheidung, weil eine Andere ein Kind von ihm erwarte. Für Maria ging das Leben weiter, sie wurde ein zweites Mal schwanger und nahm die Arbeit in Freds Bar auf, wo sie viel zu viel rauchte und trank.

Über das Alter von Anais und Bruno erfährt der Leser nichts. Überhaupt muss er sich vieles zusammenreimen. So ist auch nicht direkt von einem Mitarbeiter des Jugendamtes die Rede, sondern von einem Riesen, der Fragen stellt und sich Notizen macht. Alle Informationen werden dem Leser wechselweise in Kapiteln präsentiert, in denen entweder Anais erzählt, wobei manches nur ihrer Vorstellungskraft entspringt, oder aber Maria, die sich mit ihren Worten direkt an ihre Tochter wendet. Sie spricht mit ihr bereits vor der Geburt und auch später, als sie ihre beiden „Tierchen“, wie sie Anais und Bruno nennt, längst verlassen hat.

Die Autorin setzt als stilistisches Mittel Wiederholungen von denselben Satzanfängen ein oder auch Mehrfachnennungen derselben Worte hintereinander, um auf diese Weise die Dramatik zu unterstreichen. Das verstärkt sie noch dadurch, dass es häufig regnet, was eine düstere Stimmung erzeugt. Es werden Fragen gestellt, auf die unpassend geantwortet wird. Immer ist alles schön ist ein handlungsarmer Roman, bei dem der Leser den Anschluss nicht verpasst, wenn er eine Seite überschlägt. Ganz sicher spricht die Autorin mit ihrem sehr speziellen und anspruchsvollen Stil sowie ihren Vergleichen nicht jeden an. Das, was Julia Weber in ihrer Geschichte vorstellt, ist ein trauriges und zutiefst erschütterndes Familienschicksal auf hohem, literarischem Niveau, mit dem sie aber nur wenige Leser erreichen wird.

Julia Weber, Immer ist alles schön, Limmat Verlag 2017, Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-85791-823-0, Preis: 24,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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