Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich wird aus dem ehemaligen Österreich ab März 1938 die Ostmark. Georg Manhart ist als einer der wenigen davon überzeugt, dass damit auch in Wien die Pest Einzug hält. Als Jude muss sein Vater, dessen Mutter und Geschwister bereits deportiert wurden, aus der Wohnung ausziehen und Georg wird als Halbjude für wehrunwürdig erklärt. Nach der Matura nimmt er eine Stelle als technischer Zeichner in einem Flugzeugwerk an, weil er hofft, so seine Ruhe zu haben, da die Produktion von Jagdflugzeugen absoluten Vorrang in der Rüstungsplanung genießt. Sein Freund Rainer wird allerdings an die Front abkommandiert. Während seines Heimaturlaubs im April 1943 verlobt er sich mit Dagmar, auf die Georg bereits in der Schule ein Auge geworfen hatte. Obwohl ihm als Halbjude eine Verbindung mit einer Arierin untersagt ist, tanzt er auf der Verlobungsfeier mit Dagmar zu dem Schlager „Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt“. Seitdem fühlt er sich von ihr magisch angezogen und ist von den neuen Gefühlen überwältigt. Die beiden gehen trotz der damit verbundenen Gefahren ein Verhältnis ein, das jedoch ein jähes Ende findet, als ihr Verlobter Rainer im August 1943 in Russland fällt.

Georg tröstet sich mit Marisa, einer Spanierin, die nicht unter die Nürnberger Rassengesetze fällt. Es ist eine Beziehung ohne Versprechungen, denn seine Liebe gilt weiterhin Dagmar, obwohl er Marisa sehr schätzt. Sein Vater erzählt ihm bei einem Treffen von Massenerschießungen und es werden, was niemand für möglich hielt, auf das bisher als sicher geltende Wien erste Luftangriffe geflogen. Anstatt sich in einen Schutzraum zu begeben, will Georg Augenzeuge der Vernichtungsschläge sein, die Europa von der Naziherrschaft befreien sollen. Für einen Anschluss an eine Widerstandsbewegung fehlt ihm der Mut, doch hilft er im Oktober 1943 Marisa, die für eine Gruppe Waffen versteckt. Der Krieg wütet unvermindert weiter und selbst Kinder werden ab Mai 1944 als Kanonenfutter verheizt. Erst im Juli 1944 treffen sich Georg und Dagmar wieder und er muss sich zwischen den zwei Frauen entscheiden. Immer häufiger wird Fliegeralarm gegeben und es ertönt der Aufruf zum Volkssturm. Georg ist hin- und hergerissen zwischen der Freude über die sich nähernden Russen, die er so lange herbeigesehnt hat und der Angst vor ihnen. Darüber hinaus zehren an ihm die sich überschlagenden Ereignisse.

Walter Than, der selbst als junger Mensch den Krieg in Wien erlebt hat, ist mit Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt ein sprachgewaltiges, literarisches Werk gelungen. Mit der wörtlichen Rede geht er sparsam um, wodurch der Roman zunächst wenig lebendig wirkt. Stattdessen erfährt der Leser wie jemand, der auf Georg von oben herab blickt, was er macht und was er denkt. Erst in Rückblicken erschließen sich dem Leser die Zusammenhänge, da der Roman zunächst im Juni 1944 ansetzt, um dann die Zeit von April 1943 bis zum Kriegsende chronologisch folgen zu lassen. Sehr realistisch schildert der Autor die Jahre, als Hamsterfahrten und Denunziationen das tägliche Leben bestimmten und amerikanische Musik sowie das Einschalten ausländischer Radiosender verboten waren. Nur, wer selbst die fingerlangen Splitter der Flakgranaten mit ihren ausgezackten, rasiermesserscharfen Kanten gesehen oder das schrille Pfeifen fallender Bomben gehört hat, das kurz vor dem Einschlag abreißt, kann das so eindrucksvoll vermitteln, wie Walter Than in diesem Roman. Er erinnert an die KZ-Häftlinge, die zur Sklavenarbeit verpflichtet wurden und die ihren Arbeitsplatz während der Angriffe nicht verlassen durften, an das Schicksal der 6. Armee vor Stalingrad 1942, an die Schlacht vor Moskau 1941, an die Landung der alliierten Truppen 1944 in der Normandie und das Attentat auf Hitler im selben Jahr. Der historische Roman Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt ist ein Zeitzeugnis, der den Leser wie ein Sog immer mehr in seinen Bann zieht und der ihn die Verbitterung des Protagonisten genauso wie seine Schuldgefühle, Sorgen und Ängste hautnah fühlen lässt.

Walter Than, Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt, Styria Premium 2014, Hardcover mit Schutzumschlag, 319 Seiten, ISBN 978-3-222-13454-8, Preis: 22,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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