Sibiro Haiku von Jurga Vilė

Sibiro HaikuWie die Übersetzerin Saskia Drude in einem Nachwort des Kinderbuches „Sibiro Haiku“ von Jurga Vilė ausführt, wurden im Sommer 1940 die baltischen Staaten von sowjetischen Truppen besetzt. Ab Juni 1941 folgten Deportationen von vermeintlichen Staatsfeinden. Bis 1952 wurden schätzungsweise über einhundertdreißigtausend Menschen verschleppt, unter ihnen Algis Mielis, der Vater von Jurga Vilė, die das Buch nach Erzählungen ihres Vaters und ihrer Großmutter Röslein, mit eigenen Gedanken ausgeschmückt, in Form eines japanischen Kurzgedichtes (Haiku) ein Sibirisches Haiku, so die Übersetzung des Titels, geschrieben hat.

Am 14. Juni 1941 pochen in den frühen Morgenstunden zwei russische Soldaten an die Tür der Familie Mielis. Algis und seine Schwester Dalia, den Eltern und der Großmutter Röslein bleiben nur zehn Minuten Zeit zum Anziehen und um das Nötigste zu packen. Neben weiteren Familien werden sie auf einen Pferdekarren geladen und hoffen noch, dass sich alles als Irrtum herausstellt. Am Bahnhof Naujoji Vilnia werden sie in Viehwaggons geladen und unter Tränen vom Vater getrennt, da alle Männer für die Schwerarbeit eingeteilt sind. Ein geschenkter Ganter, dem Algis den Namen Martin gegeben und den er mit auf die Reise genommen hat, wird von einem Soldaten einfach erschossen. Fortan wacht allerdings der Geist des Ganters über Algis.

Während der unbequemen Zugfahrt reicht die Luft kaum zum Atmen. Alle schreiben fleißig Briefe auf Blättern und mit Stiften, die ihnen unterwegs von einer Postfrau gereicht wurden und die sie aus dem Fenster ins Freie werfen. Mit vorgehaltenen Gewehren werden sie an der Endstation in eine Kirche getrieben. Am nächsten Tag geht es über den Fluss Ob weiter auf einem Kahn. Die letzten zehn Kilometer müssen sie zu Fuß gehen. Untergebracht werden die der Heimat entrissenen Menschen in undichten, von Wanzen befallenen Baracken. Darüber hagelt es am nächsten Tag zwar Beschwerden, doch werden die Blutsauger mit giftigen Mitteln von den Soldaten vertrieben, woraufhin viele Insassen das Bewusstsein verlieren. Der Hunger ist für die Leidenden allgegenwärtig, Algis plagt zudem der Keuchhusten. Eines Tages naht Rettung: Eine Delegation aus Litauen holt alle Waisenkinder heim. Für Algis und seine Schwester Dalia bedeutet das allerdings, dass sie sich schweren Herzens von ihrer Mutter verabschieden müssen.

Jurga Vilė beginnt ihre Graphic Novel „Sibiro Haiku“ mit der Heimfahrt des etwa dreizehn Jahre alten Algis und seiner älteren Schwester Dalia in einem „richtigen“ Zug. Sie haben das Glück, mit dem „Zug der Waisen“ von Sibirien zurück nach Litauen gebracht zu werden, wo sie in einem Heim aufgenommen werden sollen. Auf der Fahrt erinnert sich der Junge, wie alles begann, an die anderen Menschen im Lager und vor allem an die schrecklichen Erlebnisse, die er in der Ich-Form berichtet. So musste der erst Dreizehnjähriger mitansehen, wie eine Katze brutal erschlagen wurde, zu Tode gekommene Menschen einfach auf einem Karren geladen aus dem Lager gebracht und durch einen Schneesturm Umgekommene direkt in ein aus dem Eis geschlagenes Loch in den Fluss geworfen wurden.

Allein schon wegen dieser grausamen Schilderungen, die von Lina Itagaki mit passenden Illustrationen eine weitere dramatische Note erhalten, sollten junge Leser die ergreifende Geschichte frühestens ab einem Alter von dreizehn Jahren lesen. Die auf einem historischen Hintergrund basierende Graphic Novel greift ein wichtiges Kapitel auf und sowohl die Autorin, wie auch die Illustratorin machen deutlich, wieviel Hass den Deportierten entgegengebracht wurde. Einziger Kritikpunkt an dem ansonsten liebevoll gestalteten Buch sind, mit Ausnahme der darin wiedergegebenen Briefe, die ohne System aneinandergereihten Groß- und Kleinbuchstaben im Text, wobei ein Buchstabe in einem Wort mal groß und ein anderes mal klein geschrieben wurde.

Sibiro Haiku von Jurga Vilė

Sibiro Haiku
Baobab Books 2020
Klappenbroschur
237 Seiten
ISBN 978-3-907277-03-4

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Bildquelle: Baobab Books


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