Michaela DePrince kommt als Mabinty Bangura 1995 zur Welt. Ihr Vater arbeitet hart und schürft Diamanten, um eines Tages für die Schulgebühren seiner Tochter aufkommen zu können. Doch er wird im Bürgerkrieg von Rebellen umgebracht, als Mabinty vier Jahre alt ist. Mit ihrer Mutter muss sie fortan bei dem ungeliebten Onkel Abdullah wohnen, der die Ersparnisse einbehält und ihnen kaum genug zu Essen gibt. Kurz darauf verstirbt auch die Mutter. Da Mabinty seit ihrer Geburt an der Weißfleckenkrankheit leidet und Abdullah sie deshalb hässlich findet, liefert der herzlose Onkel das Kind in einem Waisenhaus ab, wo die Kinder von der Dorffrau Fatmata gequält werden. Mabinty schließt Freundschaft mit einem Mädchen, das denselben Vornamen hat und sie freut sich, weiter unterrichtet zu werden, wie es zuvor ihr Vater tat.

Durch den Hamattan-Wind weht Mabinty ein Bild mit einer Ballerina aus einer Zeitschrift zu und als das Kinderheim Besuch von Ärzten aus Amerika erhält, hofft auch sie, von einer amerikanischen Familie adoptiert zu werden, um ihren Traum von einer Ballerina verwirklichen zu können. Doch die Rebellen treiben alle Bewohner aus dem Heim in den Urwald. Erzieher und Kinder schlagen sich bis zur Grenze nach Guinea durch. Mabinty fährt zum ersten Mal in einem Auto und mit vier Jahren besteigt sie ein Flugzeug nach Ghana. Dort soll sie ihre neue Mutter kennenlernen, die auch für ihre gleichnamige Freundin eine Mutter sein wird. Auf dem Weiterflug nach New York wird aus Mabinty Michaela und ihre Freundin wird zur Schwester Mia. Wenn Michaela auch fünfsprachig aufgewachsen ist, so spricht sie wie Mia kein englisch.

Noch vor ihrem fünften Lebensjahr geht ihr Traum in Erfüllung und sie erhält Ballettunterricht. Auf ihrem Weg die Karriereleiter hinauf erfährt sie, was Rassendiskriminierung ist und muss mit zehn Jahren den Tod eines Bruders verkraften, der bereits der dritte verstorbene Sohn ihrer Adoptivfamilie ist. Wiederholt gewinnt sie beim Vortanzen die höchste Auszeichnung ihrer Altersklasse, kämpft gegen gestauchte und geschwollene Knöchel an, kann nur mit Stipendien die horrenden Kosten für auswärtige Unterkünfte und Ballettkleidung sowie Spitzenschuhe tragen und schafft trotzdem 2012 den Highschool Abschluss. Der Dokumentarfilm „First Position“ hat sie zuvor bereits im Jahr 2011 berühmt gemacht und ihr Leben verändert und im Februar 2013 unterschreibt sie einen Vertrag beim niederländischen Staatsballett.

Die aufregende, ergreifende und anrührende Autobiografie Ich kam mit dem Wüstenwind, an der nicht nur Michaela, sondern auch ihre Mutter Elaine DePrince geschrieben hat, erinnert zum einen an die Balletttänzerin Anna in der gleichnamigen Fernsehserie, die zu Weihnachten 1987 ausgestrahlt wurde. Zum anderen erinnert die Autobiografie der Autorin aufgrund ihrer Herkunft an die Schilderungen von Waris Dirie in ihrem Buch Wüstenblume. Auch Michaela DePrince hat sich über alltägliche Dinge wie einen Lichtschalter gewundert, der nach Belieben Licht ein und aus schaltet. Oder wie auf einem Herd gekocht werden kann, wenn er keine Flamme hat. In dem Jugendbuch schildert sie schonungslos grausame und bestialische Morde und weiß von unzähligen Toten zu berichten, die zu ihrer Kindheit gehörten. Sie fühlt sich heute als Glückspilz, als eines der wenigen Kinder, die dem Bürgerkrieg entronnen sind. Weil sie nicht nur nehmen, sondern auch geben will, hat sie das Buch Ich kam mit dem Wüstenwind geschrieben, das einzige, was sie zu geben hat. Vielleicht ist es mehr, als sie glaubt!

Michaela DePrince, Ich kam mit dem Wüstenwind, cbt Verlag 2014, Broschur, 272 Seiten, ISBN 978-3-570-16324-5, Preis: 12,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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