Dietmar Krone ist eines von unzähligen Heimkindern, für die der in unserem Grundgesetz verankerte Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ offensichtlich keine Geltung hatte. Nachdem er als unerwünschtes Kind 1954 zur Welt kam, hat er schon als Kleinkind eine vernünftige Mahlzeit vermisst, musste Wäsche waschen, putzen und in den Geschäften die Einkäufe anschreiben lassen. Als er mit zehn Jahren nach der Schule auch noch schwere körperliche Arbeit leisten musste, brach er zusammen. Es folgten ein Klinikaufenthalt und weitere Arbeitsstellen im Anschluss an den Schulunterricht. Mit knapp zwölf Jahren wurde er für mehrere Monate in eine Nervenklinik eingewiesen. Er besaß keine Turnschuhe und bekam deshalb in dem Fach Sport eine schlechte Note. Weil er auch keine Schulbücher hatte, konnte er seine Hausaufgaben nicht machen. Sein Vater, der ihn prügelte und von der Treppe stieß, verstarb, als er dreizehn Jahre alt war. Später prügelten ihn die Liebhaber seiner Mutter und sie selbst brach ihrem Sohn einmal das Nasenbein, was eine Bluttransfusion erforderlich machte. Daraufhin verbrachte er zwei schöne Wochen im Krankenhaus, doch selbst ein wissender Arzt hat nichts gegen sein trauriges Schicksal unternommen.

Im Alter von dreizehn Jahren begann für Dietmar Krone schließlich der Albtraum Erziehungsheim. Seine Mutter hatte einen gutmütigen Mann des Kindesmissbrauchs bezichtigt, weil der dem Jungen in seiner Not Unterschlupf bot. Beide wurden in Handschellen zur Polizei abgeführt, wo man Dieter Krone zu einer Unterschrift nötigte. Im Heim wurde er den anderen Kindern als professioneller Stricher vorgestellt und wie alle Insassen stand für ihn anstelle von Schulunterricht im Sommer Arbeit auf dem Feld und im Winter in den Werkstätten auf dem Programm. Dem Essen wurde ein die Libido tötendes Mittel beigemengt und um seinen Willen zu brechen, wurde er für zehn Tage und Nächte in eine nur zwei mal drei Meter großen Besinnungszelle bei Wasser und trockenem Brot eingesperrt. Selbst nach einem Muskel- und Sehnenabriss musste er für drei Tage und Nächte ohne schmerzstillende Medikamente in der Dunkelkammer aushalten. Es folgten drei Tage, die er an ein Bett gefesselt in der geschlossenen Psychiatrie verbrachte, bevor er überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekam. Erst mit siebzehn Jahren begegnete er einem wirklichen Menschen, der ihm half und der sogar über einen Anwalt nach zwei Jahren die Aufhebung der Fürsorgeerziehung erreichen konnte.

Noch heute erinnert sich Dietmar Krone an die Schreie von Ausreißern, die aufgegriffen wurden und dann einer Bestrafung entgegensahen, oder wie er zu Heilig Abend ganz alleine, ohne Besucher, im Heim verbringen musste, während die anderen Kinder abgeholt wurden. Erst nach seiner Heimentlassung im Jahr 1973 hat er von zahlreichen Briefen erfahren, die man ihm vorenthielt und die er sich über viele Jahre so sehnlich wünschte. Obwohl er glücklich und endlich ein freier Mann war, hatte er Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, da ihm im Heim weder eine Schulbildung, noch eine Berufsausbildung zuteil wurde.

Die Biografie, die Dietmar Krone mit seinem Buch Albtraum Erziehungsheim vorgelegt hat, ist glaubwürdig, da sie sich mit den Aussagen anderer Betroffener deckt. Er hat in einfachen Sätzen seine Erinnerungen und traumatischen Erlebnisse für das Buch niedergeschrieben und kämpft für eine gerechte Entschädigung der unzähligen Heimkinder. Dafür ist er im Jahr 2006 sogar vor den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages getreten. Für seine mutigen Aufzeichnungen, die ihn sicher viel Kraft gekostet haben, kann man ihm nur viel Erfolg wünschen und als Leser sollte man in diesem Fall großzügig über die vielen Fehler im Text hinwegsehen.

Dietmar Krone, Albtraum Erziehungsheim, Engelsdorfer Verlag 2007, Taschenbuch, 145 Seiten, ISBN 978-3-86703-323-7, Preis: 10,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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