Jill macht sich mit nur einem Rucksack, einem Schlafsack und fünfhundert Euro auf zu einer Schauspielschule nach Köln. Dort hat sie einen Termin bei Tom Schimmerlein und hofft eine Chance als Komikerin zu bekommen. Ihre Wohnung in Berlin hat sie aufgegeben und sich bei Armin angekündigt, ihren ehemaligen Freund, den sie seit zehn Jahren nicht gesehen hat. Zu ihrer Überraschung ist auch seine fünfzehnjährige Tochter Felicia bei ihm, weil ihre Mutter Birgit sich beruflich im Ausland aufhält. Felicia verfügt über kein Selbstbewusstsein, ist fett und verschlossen. Sie flüchtet sich in eine Scheinwelt, in der sie als selbstbewusste Fee die Herrscherin eines Reiches ist. Ihre Gedanken und was Fee Eef zu ihr spricht, hält sie im Geheimen auf Papier fest.

Armin kommt der gleichzeitige Besuch seiner Tochter und Jill nicht sehr gelegen, zumal er eine neue Freundin hat. Jill ist erstaunt, Felicia jeden Tag zu Hause zu sehen und will wissen, warum Felicia nicht zur Schule geht. Als klar wird, dass es in der Schule Ärger mit Sören wegen einer gestohlenen Posaune von Julius gegeben hat, der in einer Bigband spielt, ist für Jill klar, dass sie so schnell nicht aufgibt und der Sache auf den Grund geht. Entschlossen stattet sie Julius mit Felicia einen Besuch ab, womit das Mädchen nicht gerechnet hat. Der Streit droht zu eskalieren, da der Vater von Sören mit einer Klage droht. Beim Lehrer gibt sich Jill als Felicias Mutter aus und als diese endlich wieder die Schule besucht, findet Jill die Aufzeichnungen des Mädchens, das sich ihr gegenüber zur Freude aller immer mehr öffnet. Doch Jill verschweigt natürlich die Entdeckung und plant, die Fantasien von Felicia auf der Comedy-Bühne einzusetzen, womit das Chaos seinen Lauf nimmt.

Nach dem Motto „weniger ist mehr“ findet der Leser in dem Roman Fette Fee von Claudia Brendler viele Sätze in der wörtlichen Rede der Handlungspersonen vor, die nicht bis zum Ende gesprochen werden. Aber genau dadurch erreicht sie eine Authentizität der Dialoge, die den besonderen Reiz ausmachen. In die quirlige und chaotische Protagonistin Jill kann sich ein Leser schnell hineinversetzen. Erst durch einige rückblickende Erinnerungen erfährt er von den Umständen, die vor Jahren zu der Trennung von Armin geführt haben.

Der Roman macht deutlich, dass Claudia Brendler eine Liebe zur Musik verbindet. Da sie selbst einem Comedy-Duo angehört, schreibt sie von den Nöten und Sorgen vieler Künstler, die von der Hand in den Mund leben. An der Stelle, als Jill und Felicia den Mitschüler Julius aufsuchen, bemerkt die Autorin kritisch an, dass es Menschen gibt, die auf der „falschen Seite des Rheins“ wohnen. Denn dort sieht man anstelle eines Vorgartens nur Trostlosigkeit in Form leerer Dosen, Scherben und besprühter Bänke. An anderer Stelle wird der Leser mit der Frage konfrontiert, ob der Mensch verrückter ist, der Stimmen hört oder einer, der an die Jungfrau Maria glaubt. Der turbulente und rasante Roman Fette Fee ist sicher für einige Leser am Anfang gewöhnungsbedürftig, doch wer sich einmal in die Sprache eingelesen hat, ist gespannt auf die sich entwickelnden Verhältnisse und natürlich auch darauf, ob Jill einen Bühnenerfolg feiern kann.

Claudia Brendler, Fette Fee, Deutscher Taschenbuch Verlag 2015, Taschenbuch, 299 Seiten, ISBN 978-3-423-21566-4, Preis: 9,95 Euro.

Wie bewerten Sie dieses Buch? schrecklichschlechtdurchschnittlichgutausgezeichnet 7 Stimme(n) | Bewertung 4,71 | Sie müssen sich registrieren, um am Leservoting teilzunehmen.
Loading...

Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Sehr witzig erzählt! Es macht einfach Spaß diesen Roman zu lesen.

    Liebe Grüße
    Helga

  2. Ich musste mich, wie ich in meiner Besprechung angemerkt habe, erst an diesen Schreibstil gewöhnen. Aber dann, da muss ich dir zustimmen, habe ich viel Spaß an dem witzigen Roman gehabt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.