Die Abiturientin Sylvie trifft im heißen Sommer des Jahres 1976 in Berlin auf den wenige Jahre älteren Kiffer und Dealer Gabriel, kurz Gabo genannt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Inge und deren Freund Flo begeben sie sich in einem umgebauten Bus mit Kochgelegenheit und Schlafplätzen auf eine abenteuerliche Reise, die sie über Jugoslawien, Athen, Istanbul, Teheran, Afghanistan und Pakistan bis nach Anjuna in Indien führt. Auf engstem Raum lebend kommt es immer wieder zu Konflikten. Die Rede ist von Trennung, aber auch von Heirat.

Nach der Rückkehr fühlt sich Sylvie in der Heimat fremd. Da sie mit Gabo weder zusammen leben, noch von ihm getrennt sein kann, erfährt ihre Beziehung ein Auf und Ab. Obwohl die junge Frau zwischenzeitlich ein Verhältnis zu Gino hat, heiratet sie Gabo und bekommt eine Tochter. Doch die Ehe zerbricht und Sylvie findet einen Mann, der den Vater für ihre Tochter ersetzt. Als Gabo nur noch kurze Zeit zu leben hat, kreuzen sich die Wege der einstigen Aussteiger ein letztes Mal, bevor er im Jahr 2013 in einem Hospiz verstirbt.

Bei der Lektüre des Buches Epilog mit Enten von Sabine Friedrich kann sich der Leser des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um einen autobiografischen Roman handelt. Denn die Protagonistin ist im selben Jahr wie die Autorin geboren, beide stammen aus Coburg und schreiben Bücher, nachdem sie die Welt bereist haben. Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass Sylvie, die ihren Lebensweg im Rückblick erzählt, am Ende mit einem zweiten Ehemann und der Tochter aus der Verbindung mit Gabo lebt und auch, dass dieser nach seinem sozialen Abstieg einem Krebsleiden erliegt, wobei sie einmal den Verstorbenen direkt anspricht, dann ihren Mann oder den Leser und zwischendurch auch wieder in den Erzählstil verfällt.

Gerade zu Beginn und am Ende des Romans finden sich reichlich Zeitsprünge in der Erinnerung von Sylvie, während der umfangreiche Mittelteil, in dem sich die Protagonisten auf den legendären Hippie Trail begeben, einem Reisebericht nahe kommt, der eine einzigartige Dokumentation der gefährlichen und absolut abenteuerlichen Reise in seinerzeit noch völlig unbekanntes Terrain darstellt. Die Autorin hält die Musikszene sowie das politische Geschehen während der endenden Hippie-Ära fest und vermittelt auf sehr eindrucksvolle Weise das Lebensgefühl der damaligen Generation, wobei sie längst vergessene Details in Erinnerung ruft. Das Verhältnis von Sylvie und Gabo kann am besten mit Zuckerbrot und Peitsche beschrieben werden, denn was er ihr an einem Tag verspricht, hat am nächsten keine Gültigkeit mehr. Er ist sich selbst der Nächste.

Da Sabine Friedrich das Ende im Grunde genommen schon im Epilog vorwegnimmt, gibt es keine „Auflösung“ im engeren Sinn. Dafür wird der Leser mit einer Erzählkunst belohnt, die ihresgleichen sucht. Von der Autorin werden unzählige Themen kritisch in dem lehrreichen Roman angesprochen, von dem man einfach nur hingerissen sein kann. An einer Stelle wirft Sylvie die interessante Frage auf, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn es zum Zeitpunkt der Indienreise schon Mobiltelefone gegeben hätte, was wohl jeden nachdenklich stimmt. Wer anspruchsvolle Literatur zu schätzen weiß und etwas über die mutigen Aussteiger erfahren möchte, die es nicht nur bis nach Formentera zur Fonda Pepe oder zum Hippiemarkt in Es Caná auf Ibiza gezogen hat, der kommt an dem faszinierenden Roman Epilog mit Enten nicht vorbei.

Sabine Friedrich, Epilog mit Enten, Deutscher Taschenbuch Verlag 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 589 Seiten, ISBN 978-3-423-28087-7, Preis: 24,00 Euro.

Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

2 Kommentare

  1. Gustavo Woltmann

    Die Geschichte hört sich auf jeden Fall interessant an. Vor allem diese Reise, die ich auch gerne einmal unternommen hätte. Daran ist seit dem Einmarsch der Sowjetunion in den 80er Jahren ja gar nicht mehr zu denken. Allerdings finde ich den Titel etwas ungewöhnlich in Bezug auf das Thema. Doch das wird vielleicht beim Lesen des Buches deutlicher.

  2. Genau das wird bereits im Epilog deutlich, weil sich direkt, einen Tag nach dem Tod von Gabo, eine Ente vor dem Haus von Sylvie niederlässt. Und dass sich nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan einiges geändert hat, ist auch unbestreitbar. Auf jeden Fall kannst du die Reise (gedanklich) nachholen, indem du das Buch liest!

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