Effingers von Gabriele Tergit

EffingersAls junger Mann verabschiedet sich Paul Effinger im Jahr 1882 von seinen Eltern, die im ländlichen Kragsheim leben und denen die Gesetze Moses heilig sind, um sich in Berlin selbstständig zu machen. Da ihm Emmanuel Oppner vom Bankhaus Oppner & Goldschmidt keinen Kredit gewähren will, wendet er sich in seiner Verzweiflung an einen kaum bekannten Unternehmer. Leider kann der ehrgeizige junge Mann auch diesen nicht davon überzeugen, dass sich eine Maschine amortisieren wird, sobald man mit ihr in die Massenproduktion geht. Immerhin erwirkt Paul eine Mitarbeit mit Gewinnbeteiligung. Doch wieder muss er eine Niederlage einstecken: Überproduktion und damit einhergehende sinkende Preise lassen Paul fast bankrottgehen. Mit seinem Bruder Karl und einem Darlehen der Schwester wagt Paul mit der Gründung der Effinger Werke einen Neuanfang.

Karl lässt sich nicht davon abbringen, erneut bei Emmanuel Oppner um einen Kredit zu bitten. Er verliebt sich in dessen Tochter Annette, die er heiratet, was Emmanuel und seine Frau Selma begrüßen, zumal die Unternehmung von Karl und Paul mittlerweile floriert. Während Paul die Zukunft des Autos in einem Gasmotor sieht und sich für die Weiterentwicklung stark macht, sorgt sich Selma um ihre jüngste, schamlose Tochter Sofie sowie ihren Sohn Theodor, der seine Geliebte geschwängert hat und damit einen Skandal heraufbeschwört. Sofie willigt schließlich ihren Eltern zuliebe in eine Ehe ein, und Paul heiratet Klärchen, womit er wie sein Bruder Karl Schwiegersohn von Emmanuel Oppner wird.

Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers bricht der 1. Weltkrieg aus. Junge Männer ziehen in den Krieg, Lebensmittel werden knapp, die Bevölkerung hungert, Soldaten sterben am Giftgas, die Überlebenden fallen der spanischen Grippe zum Opfer oder geraten in Gefangenschaft. Die Inflation ist nicht zu bremsen, und wegen fortschreitender Rationalisierungen müssen überall Arbeiter entlassen werden. Man zählt zweieinhalb Millionen Arbeitslose, die Nationalsozialisten erstarken, immer mehr Menschen heben ihren Arm zum Hitlergruß, Rollkommandos erschlagen unbescholtene Bürger und niemand, selbst die noch unlängst von allen geachteten und dem Volk dienenden Unternehmer sind vor einer Verhaftung sicher.

Gabriele Tergit hat ihren Roman Effingers *, der für sie „nicht der Roman des jüdischen Schicksals“ ist, sondern „ein Berliner Roman, in dem sehr viele Leute Juden sind“, im Jahr 1932 begonnen. Nach einem Überfall der SA, so ist in einem Nachwort von Nicole Henneberg zu lesen, flüchtete sie nach Palästina, wo sie ihr über vier Generationen reichendes Werk bis zum Jahr 1950 fertigstellte. Im darauffolgenden Jahr wurde die sich über die Jahre von 1878 bis 1948 erstreckende Familienchronik erstmals veröffentlicht. Zunächst schreibt sie von den in der ersten Generation bei Tisch geführten Gesprächen, wobei viel über die Moralvorstellungen zur Sprache kommt und die Skandale, die es unbedingt zu vermeiden gilt. Beliebte Themen dieser Zeit waren auch die zeitgenössischen Schriftsteller Henrik Ibsen, Thomas Mann und Émile Zola. Im weiteren Handlungsverlauf macht die Autorin deutlich, dass die nächste Generation, die sich nie dagewesene Freiheiten herausnahm, ein völlig anderes Leben führen konnte.

Der seitenstarke Roman führt den Leser durch Katastrophen wie den Börsencrash und das Unglück beim Bau des Gotthardtunnels, hin zur Entwicklung des Viertakt-Verbrennungsmotors oder der Entdeckung des Cholerabazillus durch Robert Koch. Allgegenwärtig ist die jeweilige weltpolitische Lage, das Leben der Menschen, ihre Moralvorstellungen und Wohnverhältnisse. Gabriele Tergit schreibt in einer bildhaften, ungewohnten, aber nichts desto trotz auf den Punkt bringenden Sprache: Beispielsweise waren „Dichter nicht erstanden, die die Melodie der neuen Zeit sangen“ oder „der Tod ging zwischen den Gräbern spazieren“. Ihre leisen, in den Plot eingebauten kritischen Töne, ob es sich um den nicht aufzuhaltenden Fortschritt in der Technik oder der Medizin handelt, haben bis in die heutige Zeit fast schon erschreckende Gültigkeit. Darüber hinaus ist der Roman in vielerlei Hinsicht ein authentisches Zeitzeugnis einer vergangenen Epoche.

Effingers
Gabriele Tergit
Effingers *
btb Verlag 2020
Taschenbuch
912 Seiten
ISBN 978-3-442-71972-3
Bildquelle: btb Verlag
* = Affiliate- / Werbelink


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