
Ein Naturparadies als literarische Bühne
Der an der Küste des Golfs von Valencia gelegene Naturpark L’Albufera ist ein bedeutendes Feuchtgebiet mit dem größten Süßwassersee Spaniens. Heute werden dort verschiedene Führungen angeboten. Bereits im 15. Jahrhundert schütteten die Bewohner Erde in die Lagune, um Sumpfböden für den Reisanbau zu gewinnen – eine Grundlage für die spätere Paella-Tradition.
Dieses eindrucksvolle Gebiet bildet den Schauplatz des Romans Sumpffieber von Vicente Blasco Ibáñez, der nun in der Reihe Vergessene Moderne neu aufgelegt wurde.
Vom Fischerleben und unerfüllten Träumen
Paloma lebt wie alle Dorfbewohner von Palmar vom Fischfang. Sein Sohn Toni jedoch träumt von einem anderen Leben – vom Wohlstand eines Grundbesitzers. Zwar folgt er dem Willen seines Vaters, heiratet und bekommt mit Tonet einen Sohn, doch gegen Palomas Wunsch pachtet er Reisfelder.
Als seine erste Ernte durch eindringenden Salpeter vernichtet wird, reagiert Paloma mit Schadenfreude: Ein Paloma gehöre aufs Wasser, nicht aufs Feld. Doch nach dem Misserfolg folgen gute Jahre, und da eine Tochter ausbleibt, adoptiert Toni das Findelkind Borda.
Jugendfreundschaften, Verlobungen und ein tragischer Unfall
Der erwachsene Tonet hilft zunächst seinem Großvater Paloma, verbringt aber lieber Zeit mit seinen Jugendfreunden Neleta und Sangonera. Beim Holzsammeln verirren sich Tonet und Neleta in der Dehesa – beweideten Eichenhainen – und gelten fortan als verlobt.
Währenddessen kommt Sangoneras Vater im Rausch zu Tode, als er im Schlamm ausgleitet und ertrinkt.
Aufbruch nach Kuba und ein Wiedersehen voller Konflikte
Tonet gibt die Arbeit für Vater und Großvater bald wieder auf und behandelt Borda schlecht. Schließlich zieht es ihn nach Kuba, wo er seine Verlobte Neleta offenbar vergisst.
Neleta arbeitet inzwischen in der Taverne des plötzlich reich gewordenen Cañamel, der ihr verfällt und sie heiratet. Jahre vergehen, der kubanische Krieg endet, und Tonet kehrt zurück.
Gerüchte über eine heimliche Beziehung zwischen ihm und Neleta machen die Runde. Cañamel, der Tonet zunächst mochte und unterstützte, entwickelt zunehmend Hass, weil Tonet seine vertraglichen Pflichten nicht erfüllt. Als Cañamels Gesundheit schwindet, setzt er Neleta als Alleinerbin ein – unter der Bedingung, dass sie bei einer Liebesaffäre die Hälfte verliert.
Ein verhängnisvolles Liebesverhältnis
Das Drama nimmt seinen Lauf: Die Beziehung zwischen Neleta und Tonet bleibt nicht folgenlos. Ihr Ehemann stirbt zu früh, als dass sie ihm das Kind noch hätte zuschreiben können. Für beide steht nun die Gier nach Geld im Vordergrund.
In ihrer Verzweiflung verlangt Neleta von Tonet, das Kind in Valencia auszusetzen – in der Hoffnung, es möge dort ein besseres Leben finden. Doch Tonet sieht keinen Ausweg und ertränkt das Kind im Sumpf.
Sinnlichkeit, Andeutungen und moralische Abgründe
Da der Roman vor über hundert Jahren entstand und in einer überarbeiteten Übersetzung von Otto Albrecht van Bebber vorliegt, deutet Blasco Ibáñez Sexualität nur in sinnlichen Bildern an. Aussagen wie „ihr frühreifer Instinkt des Weibes … diese süße Wärme, die in seine Adern einzudringen schien“
überlässt er der Fantasie der Lesenden.
Neleta zeichnet er als verschlagen: „Ihre Minen verraten Geringschätzung für ihren Ehemann“, und auf dessen Angst, Tonet könne sich eines Tages in seinem Bett einquartieren, reagiert sie mit einem „diabolischen Lächeln“.
Ein Blick in das harte Leben der Landbevölkerung
Laut Lektor wird der Sohn Palomas im Original mal Toni, mal Tono genannt – beide Bezeichnungen meinen dieselbe Figur.
Der Roman zeigt eindrucksvoll das einfache, bittere Leben der damaligen Landbevölkerung: Wäsche, die im fauligen Kanalwasser nach Schlamm roch, das mühsame Aufschütten der Lagune, Schlafplätze auf feuchtem Lehmboden. Gleichzeitig schildert er die Krankheiten der Reichen, wie sie Cañamel ereilen.
Blasco Ibáñez nutzt wenig wörtliche Rede, schmückt jedoch Szenen wie das Fest zu Ehren des Jesuskindes detailreich aus. Trotz der Schwere des Stoffes entfaltet der Plot eine enorme Sogwirkung – ein Drama, das sich wie ein Strick um den Hals des Lesers legt.
Sumpffieber von Vicente Blasco Ibáñez

Übersetzung von Otto Albrecht van Bebber
Mediathoughts Verlag 2023
Hardcover
300 Seiten
ISBN 978-3-947724-46-8