
Unerwartete Auszeit auf der Hallig
Ein Bundestagsabgeordneter, dessen Tage mit Terminen ausgefüllt sind, wird für zwei Tage und Nächte auf einer Hallig zum Nichtstun verurteilt, nachdem sein Boot einen Motorschaden erlitten hat. Fischer schleppen das Boot ab, und er kommt bei Kathrin Knudson unter. Mit ihr läuft er durch das Wattenmeer – etwas, das er noch nie zuvor getan hat. Die Stunden, die er auf der Hallig verbringt, wo er sich zum ersten Mal richtig frei fühlt, werden sein Leben verändern.
Ein Bauprojekt der Superlative – und des Scheiterns
Der Abgeordnete ist Mitglied im Aufsichtsrat eines gigantischen Bauprojekts, das mitten im Herzen von Berlin entstehen soll. Nach den Plänen des Aufsichtsratsvorsitzenden Rödel soll eine weltweit einzigartige Badelandschaft entstehen – mit Anschluss an alle Bahnen und einen Flughafen, durchzogen vom Duft dreier Meere. Getragen von Säulen und überdacht mit einem gelben Glasdach, das sich öffnen lässt, wirkt das Projekt visionär.
Doch bei den Sitzungen im Plenarsaal gesteht Straußer, dass im Keller Rohre verlegt wurden, deren Zweck niemand kennt. Jeder Verleger hatte offenbar eigene Pläne. Die Wasserversorgung des Schwimmbads kann nicht gewährleistet werden, und es tritt Wasser aus Rohren aus, die gar nicht vorgesehen waren. Ein Mysterium! In endlosen, nächtelangen Sitzungen kann nicht einmal ein Abriss ausgeschlossen werden – obwohl längst Planungen für die feierliche Eröffnungszeremonie mit dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin laufen.
Satire trifft Realität: Der Roman „Schlossplatz, Berlin“
Der Roman Schlossplatz, Berlin* von Nikolaus Breuel ist eine gelungene Persiflage auf die Absurditäten realer Bauvorhaben – solche, die entweder unnötig waren, ständig verändert wurden oder deren Kosten aus den verschiedensten Gründen ins Unermessliche explodierten. Während der Sitzungen in Berlin oder Brüssel schlafen die Politiker ein und führen Wortwechsel in bester Satiremanier. Sie fachsimpeln über Europapolitik, die Schuldenberge Zyperns und Griechenlands sowie über Rettungsschirme, wobei sie mit Zahlen jonglieren, zu denen sie längst keinen Bezug mehr haben.
Sprachliche Eigenheiten und literarische Raffinesse
Der skurrile Roman verzichtet auf Anführungszeichen in der wörtlichen Rede. Satzanfänge wiederholen sich häufig als stilistisches Mittel, und einige Sätze bestehen aus kaum mehr als zwei Worten. Nikolaus Breuel lässt viele intelligente Wortspielereien in den Text einfließen, die den Leser zum Schmunzeln bringen. Bei ihm können Gedanken hinter Vorhängen verschwinden, und Wahnsinn kann lächeln, sich erheben oder ein neues Kleid probieren.
Ein Plädoyer für eine gerechtere Welt
Der hochaktuelle Roman Schlossplatz, Berlin* ist ein Plädoyer für eine bessere Welt – eine Welt, in der Chancen gerechter verteilt sind und die Wahrheit nicht beliebig verändert werden kann. Durch seinen namenlosen Protagonisten öffnet Breuel dem Leser die Augen für die Zustände unseres Bankensystems und die fortwährende Senkung des Leitzinses. Der Abgeordnete, der mittlerweile die Weite des Meeres und den Zusammenhalt der Menschen auf der Hallig schätzt, hat längst erkannt, dass mit der Sonne und dem Geld auch der gesunde Menschenverstand in den Süden abgereist ist.
Es bleibt die Hoffnung, dass dieses bemerkenswerte Buch zahlreiche Leser findet, die sich mit den vielen Denkanstößen auseinandersetzen – wodurch schon viel gewonnen wäre.
Schlossplatz, Berlin von Nikolaus Breuel

dtv 2015
Hardcover mit Schutzumschlag
280 Seiten
ISBN 978-3-423-28050-1