Isolde Schaad macht es dem Leser mit Robinson und Julia wahrlich nicht leicht. Es ist schwer, den „roten Faden“ zu finden, denn scheinbar gibt es keine Zusammenhänge zwischen den kurz gehaltenen Kapiteln. Diese wechseln zwischen den zwei Frauengestalten Eva und Julia. Eva begegnet uns einmal als Eva mit Adam, mit dem sie schon auf gemeinsam verbrachte Jahrtausende als unverheiratetes Paar zurückblicken kann. So kennt sie weder ihr Alter, noch das ihrer Mitmenschen. Der Paradiesapfel und das Feigenblatt verweisen immer wieder auf die Schöpfungsgeschichte. Obwohl Eva mit Adam zusammenlebt, trifft sie aber auch mit Jean-Paul Sartre in Paris zusammen, in dem sie einen Frauenbeglücker sieht. Ebenso begegnet sie Albrecht Dürer und Martin Luther in Wittenberg, was den Leser etwas verwirrt. Zu Eva und Adam ziehen zwei weitere Frauen, Sheila, der die Vertreibung der Palästinenser am Herzen liegt und Claps, mit der Adam ein Verhältnis beginnt. Eva leidet darunter, wenn Adam die Nächte mit Claps verbringt. Doch im weiteren Verlauf fühlt sie sich selbst von der Konkurrentin sexuell angezogen.

Julia, die in einem Forschungslabor tätig ist, spürt nach der Hochzeit mit dem Sozialfachmann Doktor Robinson schnell die Ernüchterung, die sich im Ehebett vollzieht und möchte ihren Mann mit Simone de Beauvoir bekehren. Einige Kapitel später hat die emanzipierte Julia den Sprung in die Chefetage geschafft, obwohl diese immer noch überwiegend dem männlichen Geschlecht vorbehalten ist.

Ein umfangreiches Allgemeinwissen sollte der Leser bei der Lektüre schon mitbringen. Außerdem sollten Kenntnisse in der Literatur u. a. von Flaubert, Dostojewski oder Erich Maria Remarque vorhanden sein. Aus den Werken von Thomas Mann und Goethe finden oftmals Figuren oder Zitate (nur zwei Worte: verweile doch) Eingang in den Text. Wobei man durchaus geraume Zeit damit verbringen könnte, manche Seite oder einzelne Sätze einer Interpretation zu unterziehen. Denn durch eine nur oberflächliche Lektüre gelingt es nicht den Kern der Texte zu erfassen. Darüber hinaus wären grundlegende biographische Kenntnisse von Jean-Paul Sartre und seiner Gefährtin Simone de Beauvoir hilfreich. Von ihrem Emanzipationsbestreben hat sich Isolde Schaad offensichtlich inspirieren lassen, denn alle Frauenfiguren streben nach Gleichberechtigung.

Den Leser erwarten unzählige Figuren von Siegmund Freud bis Claude Lévy-Strauss, Karl Marx bis Che Guevara, Mary Wollstonecraft bis Florence Nightingale, Mozart bis Bob Dylan, Salman Rushdie, Joseph Beuys, Eva Braun und Humphrey Bogart, oft völlig ohne Kontext. Es finden sich auch viele kritische Aussagen, beispielsweise über Banker, die Millionen an Abfindung erhalten, nachdem sie zuvor die Kundschaft um Millionen betrogen haben. So verstehen es auch die Wirtschaftsführer, eine Niederlage in einen Sieg zu verwandeln.

Die Sprache, die Isolde Schaad gewählt hat, ist mit einem kräftigen Schuss offen ausgesprochener Erotik gewürzt. Die Sexualität ist in fast allen Kapiteln präsent: Mal ist es die schnalzende Zunge von Sartre, die nicht nur der Weltliteratur galt, sondern auch den entlegensten Körpermulden, mal spürt die Frau trotz Orgasmus eine innere Entfernung zum Mann. Es wird das Klischee bedient, dass Männer immer wollen und sie stellt die These auf: Liebe ist nur Theorie, Sex aber die Praxis. Bei all dem verzichtet die Autorin aber auf eine vulgäre Ausdrucksweise, sondern umschreibt alles gekonnt poetisch. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

In dem Roman Robinson und Julia von Isolde Schaad geht es um die Auseinandersetzung mit der Emanzipation und wohin sie noch führen könnte. Die unübersichtliche Handlung führt zu Verwirrungen beim Leser, der auf Nachfrage nicht sagen kann, was genau er denn gelesen hat. Sicherlich hat die Autorin gezeigt, dass sie mit Sprache genial umgehen kann und erklärt uns an einer Stelle: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer Leiden schafft“. Des Weiteren besitzt sie umfangreiche literarische Kenntnisse und gibt dem Leser interessante Denkanstöße mit auf den Weg. Lesern, die es bis zur letzten Seite geschafft haben, wird dann auch das Geheimnis gelüftet, um die scheinbar vielen Dinge, die nicht zusammenpassen wollten.

Isolde Schaad, Robinson und Julia, Limmat Verlag 2010, gebunden, 364 Seiten, ISBN 978-3-85791-600-7, Preis: 26,80 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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