All das hier von Alexander Kamber

All das hierMalte erhält von Ben einen Anruf, dass der gemeinsame Freund Finn bei einem Autounfall ums Leben kam. Da sich Maltes Freundin Anna für eine Stelle als Szenograf beim Theater beworben hat und sie zur letzten Bewerbungsrunde nach Stockholm eingeladen ist, will sie Malte nicht zur Beerdigung begleiten. Auch wenn er dafür nur wenig Verständnis aufbringt, so fährt er doch alleine mit dem Zug von Hamburg nach Zürich, wo ihn Ben empfängt. Auf der Fahrt erinnert er sich an den gemeinsamen Bühnenauftritt im letzten Sommer mit seinen Freunden und an den darauffolgenden Urlaub an der Nordsee. Mit Ben steht Malte am Grab von Finn und später reden sie über vergangene Zeiten. Zurück in Hamburg findet Malte einen Brief vor, der ihn den nächsten Zug nach Zürich besteigen lässt.

Die eigentliche Handlung des Romans All das hier von Alexander Kamber erschöpft sich damit auch schon. Malte, der in der Ich-Form berichtet, hängt immer wieder seinen Erinnerungen nach und liest während der Zugfahrt die alten Mails von Finn. Er antwortet ihm sogar, weil ihm sein Tod so unwirklich erscheint. Malte weiß noch ganz genau, wie sie einmal zusammen auf der Reeperbahn waren und er vergeblich auf Finn warten musste. Bei allem vermisst er seine Freundin Anna, die früher mit Finn zusammen war, und bedauert, dass er sie telefonisch nicht erreichen kann. In Zürich trifft er Vanessa, die letzte Freundin von Finn. Vergessen hat er auch nicht den Wunsch von Finn, mit einem Urlaub in Südfrankreich an den letzten Sommer anzuknüpfen.

Der Leser erfährt keine Details über den Autounfall und muss sich einiges zusammenreimen, was im Roman nur angedeutet wird. Dazu gehört, dass Finn von einem Lehrer missbraucht wurde und er sich zu Männern hingezogen fühlte, obwohl er mit Anna und Vanessa eine Beziehung hatte. Insofern kann über die Beziehung zwischen Malte und Finn nur spekuliert werden. Über Ben ist bekannt, dass er wegen seines Kokainkonsums schon mehrere erfolglose Entziehungskuren gemacht hat und von Finn unterstützt wurde. Ben hat aber auch ein Auge auf dessen Freundin Vanessa geworfen, was allerdings von ihr nicht erwidert wird und Malte deshalb nicht duldet.

Da Alexander Kamber seinen Protagonisten sowohl das aktuelle Handlungsgeschehen wie auch seine Erinnerungen im Präteritum recht übergangslos erzählen lässt, erfordert das vom Leser eine erhöhte Aufmerksamkeit. Bei der Beerdigungsrede des Pfarrers kritisiert der Autor die Manipulation des Seelsorgers, der lediglich von einem ruhigen Schüler im katholischen Unterricht und vom Stolz der Eltern spricht, als ihr Sohn Messdiener wurde, den Kirchenaustritt aber verschweigt. Interessant ist auch die Beobachtung, wie sehr ein Mensch in ein bestimmtes sprachliches Muster verfällt, sobald er mit einer anderen Person zusammentrifft.

Der Roman All das hier erzeugt eine bedrückende, merkwürdige, nicht näher zu erklärende Stimmung, die durchaus schwermütige Elemente aufweist. Der Leser will mehr über die weitere Entwicklung erfahren. Er ist gespannt auf das Wiedersehen von Malte und Anna und er leidet mit dem Protagonisten, der dem voller Vorfreude entgegensieht und dann feststellen muss, dass es ganz anders kommt. Eine Überraschung ist natürlich auch der Brief von einem Absender, mit dem Malte ganz sicher nicht gerechnet hat. Vor allem die weitere Entwicklung war für ihn nicht vorhersehbar. So sehr der Roman, der in relativ kurzer Zeit gelesen werden kann, das Interesse des Lesers am Fortgang der Handlung auch weckt, so wartet er doch mit einem ernüchternden, unbefriedigenden Ende auf.

Alexander Kamber, All das hier , Limmat Verlag 2018, Hardcover mit Schutzumschlag, 192 Seiten, ISBN 978-3-85791-858-2, Preis: 24,00 Euro.

Bildquelle: Limmat Verlag

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