Es kann jeden von uns treffen: Durch einen Arbeitsunfall, einen unglücklichen Sturz oder einen Verkehrsunfall kann das Gehirn so stark in Mitleidenschaft gezogen werden, dass es irreparable Schäden davonträgt. Wer im Wachkoma liegt, kann keine Entscheidungen mehr treffen. Das kann man nur, so lange man noch gesund und im Besitz der geistigen Kräfte ist. Ob man unter Umständen jahrelang nur an Maschinen angeschlossen lediglich am Leben erhalten werden möchte oder nicht, sollten nicht nur ältere Menschen, die sich schon mit ihrem Tod auseinandergesetzt haben, sondern gerade auch junge Leute in einer Patientenverfügung schriftlich fixieren. Entsprechende Muster gibt es beispielsweise in Mappen wie Vorsorge für den Notfall von Dr. Ludwig Kroiß und Brüne Soltau, wodurch den Angehörigen ein Schicksal, wie es Antje May widerfahren ist, erspart bleibt.

Antje May ist alleinerziehende Mutter ihres neunzehnjährigen Sohnes Raphael und ihrer Tochter Mascha. Über die Karnevalstage will die Siebzehnjährige zu ihrer Freundin fahren. Auf dem Weg zur Bushaltestelle, die direkt vor ihrer Haustür liegt, wird sie im Februar 2009 von einem Auto angefahren. In der Neurochirurgie diagnostiziert man ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Schweren Herzens stimmt Antje May einem künstlichen Magenzugang für Mascha zu, da sie andernfalls mit dem Entzug des Sorgerechts rechnen muss. Für die künstliche Beatmung wird ein Luftröhrenschnitt gemacht. In den darauf folgenden Wochen kommt es bei ihrer Tochter zu unzähligen Komplikationen. Erst, als sich die Mutter für die Verlegung in ein Hospiz entscheidet, werden ihre Wünsche und die von Mascha, die auf Äußerungen vor dem tragischen Unglück beruhen, respektiert, und endlich heißt es Mascha, du darfst sterben, wenn du nicht mehr leben willst.

Antje May hat die Krankengeschichte ihrer Tochter Mascha nach ihren Tagebuchaufzeichnungen und der von Wache haltenden Angehörigen geschrieben. Unterbrochen werden diese Aufzeichnungen durch kursiv gedruckte Einschübe, in denen sie von einem Aufenthalt in Finnland, wo ihre Eltern ein Sommerhaus besitzen, kurz nach der Beerdigung ihrer Tochter berichtet. Die Autorin erinnert sich an die Zukunftspläne von Mascha, die letzten Tage und Stunden vor ihrem Tod, die letzten Minuten und ihre letzten an sie gerichteten Worte. Ebenso an die ersten Minuten, die sie unter Schock an der Unfallstelle verbracht hat, sowie an die ersten Stunden und Tage danach. Kurze Sätze, die manchmal nur aus einem Wort bestehen, unterstreichen ihre Fassungslosigkeit, das Nichtwahrhabenwollen und das Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen.

Die selbst in der Intensivpflege ausgebildete Antje May schreibt von dem unendlichen Leid der Gerätemedizin für die Betroffenen, was für diese durchaus mit einer Folter gleichzusetzen sein könnte. Sie hinterfragt, ob es so etwas wie eine Vorahnung geben kann, da es bei ihrer Tochter dafür durchaus Anzeichen gegeben hat. Bezüglich der Intensivmedizin wirft sie grundsätzliche Fragen auf und bedauert, dass die Menschlichkeit dabei auf der Strecke geblieben ist. Eine Fixierung ohne richterlichen Beschluss lehnt sie ab und den Äußerungen der Ärzte, die ihr versichert haben, dass Patienten im Wachkoma keine Schmerzen erleiden und Medikamente deshalb ruhig abgesetzt werden könnten, steht sie kritisch gegenüber. Ob das lediglich für eine mögliche, spätere Organentnahme von Bedeutung ist, kann sie nicht ausschließen.

Antje May will mit ihrem einfühlsamen Buch Mascha, du darfst sterben kein Mitleid erregen, sondern vielmehr Betroffenen Hilfe und Unterstützung geben. Sie macht sich dafür stark, dass die Würde und Privatsphäre eines Patienten geachtet wird und schließt mit einem umfangreichen Forderungskatalog, den sich alle diejenigen zu Herzen nehmen sollten, die entweder pflegerisch oder von Amts wegen mit diesem Problem konfrontiert sind.

Antje May, Mascha, du darfst sterben, Gütersloher Verlagshaus 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 190 Seiten, ISBN 978-3-579-08634-7, Preis: 16,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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