Das Sachbuch Die Honigfabrik von Jürgen Tautz und Diedrich Steen beginnt schon mit einer interessanten Schilderung über die Honigsammler in Südindien. Die Autoren rekonstruieren den spannenden Weg, den die Imkerei über die Jahrhunderte bis heute zurückgelegt hat und zeigen die Entwicklungsstadien der Biene von der Eiablage zur Verpuppung, von einer Putzbiene zur Ammenbiene und weiter zur Honigmacherin auf, die schließlich zur Futtersuche als Sammelbiene ausschwärmt. So müssen Spurbienen jedes Jahr nach der Überwinterung nach neuen Quellen suchen, die sie im Stock über Tanzfiguren, den sogenannten Schwänzeltanz, ihren Artgenossen mitteilen. Anders als beim Entdecker Karl von Frisch kann heute bei der Erforschung auf moderne Videotechnik zurückgegriffen werden.

Die Autoren schreiben von der traurigen und brutal anmutenden Existenz der Drohnen, machen einen notwendigen Abstecher in die Genetik und gehen auf die unterschiedlichen Bienenrassen ein. Sie erläutern nachvollziehbar, wie eine Königin, die nur für das Eierlegen zuständig ist, auf geheimnisvolle Weise entsteht und auch, was zu ihrem Untergang führt. Dass Menschen hektische Bewegungen in der Nähe von Bienen vermeiden sollten, erklären sie mit deren Seewahrnehmung. Verblüffende Experimente mit Gemälden von Picasso und Monet zeugen von der Merkfähigkeit der Bienen.

Der Leser erfährt, bei welchen Krankheiten ein nur der Königin verabreichtes Sekret, das Gelee Royale, Anwendung in der Medizin findet und dass Propolis schon den alten Ägyptern zur Einbalsamierung diente. Die Autoren gehen auf Sortenvielfalt und Gewinnung des Honigs ein und natürlich auch auf die interessante Teilung eines Schwarms, für die der Schwarmtrieb verantwortlich ist. Verblüffend ist, wie die Bienen in dem Fall wieder eine „alte“ Rolle übernehmen können, wenn die Aufgaben neu verteilt werden müssen. Den Abschluss finden Informationen darüber, welche Umstände einem Bienenvolk den Garaus machen können sowie einige kritische Anmerkungen.

Den Autoren ist mit dem Sachbuch Die Honigfabrik eine Gratwanderung gelungen, denn mit Diedrich Steen, dessen Familie auf eine lange Tradition der Imkerei zurückblicken kann, und Jürgen Tautz, der als Professor eines Biozentrums als Bienenexperte gilt, vereinen sich lockere und recht amüsante Töne eines praktizierenden Imkers mit den wissenschaftlichen Ausführungen eines Fachmanns. Diese jeweils besonders gekennzeichneten Passagen wirken schon allein wegen der notwendigen statistischen Werte auf den Leser etwas ermüdend, was sich jedoch in Grenzen hält.

Das recht umfangreiche Literatur- und Quellenverzeichnis könnte den einen oder anderen Leser abschrecken und zu der Annahme verleiten, dass es sich um „trockene“ Ausführungen handelt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die informativen Erläuterungen geben Einblick in die Wunderwelt der Bienen und ihren Betrieb und sind besonders für Laien spannend zu lesen, wobei zahlreiche Abbildungen und Fotos ihnen das Verständnis erleichtern. Aber auch eingefleischten Imkern ist das Buch zu empfehlen, die vermutlich über manches Detail erstaunt sein werden.

Jürgen Tautz und Diedrich Steen, Die Honigfabrik, Gütersloher Verlagshaus 2017, Hardcover mit Schutzumschlag, 272 Seiten, ISBN 978-3-579-08669-9, Preis: 19,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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