Ranga Yogeshwar gesteht schon in dem Vorwort seines Buches Nächste Ausfahrt Zukunft, dass er als Wissenschaftsjournalist eine andere, ihn prägende Perspektive auf die Dinge des Fortschritts genießt als die meisten Menschen. Bereits in den ersten Sätzen lässt er seinen privaten, familiären Alltag in Form eines defekten Kaffeeautomaten einfließen, womit er deutlich macht, dass er als Zielgruppe nicht nur Wissenschaftler ansprechen will, sondern vor allem auch Laien. Im Zusammenhang mit Smartphone und WhatsApp, die nicht ohne Auswirkungen auf die Arbeitswelt und das Familienleben sind, spricht er von einer digitalen Revolution, wobei er die Frage nach einer möglichen totalen Überwachung aufwirft. Ein jeder muss sich bewusst machen, dass die über ihn gesammelte Datenfülle nicht ersichtlich ist, ähnlich unsichtbarer Strahlung, so sein Vergleich, trotzdem aber existiert.

Ausführlich schreibt der Autor über die Kernspaltung, eines seiner Fachgebiete als Physiker. Seine Erfahrungen und Eindrücke, die er im Reaktorgebäude von Tschernobyl sammeln durfte, präsentiert er dem Leser in eindrucksvollen Tagebucheinträgen, wobei er nicht mit Kritik spart. Mit demselben, bewährten Team besuchte er Fukushima, rekonstruiert die letzten Minuten vor der Katastrophe, und gerade durch die detaillierte Schilderung seiner Gefühle während der Besichtigung macht er die Beklemmung begreifbar.

Als weitere Themen widmet sich Ranga Yogeshwar den autonomen Maschinen, seien es Autos oder Drohnen, die zu Kriegszwecken genutzt zur Gefahr werden; auf dem medizinischen Sektor ist die Kehrseite der Errungenschaften eine Überdiagnostik; anders als zu Einsteins Zeiten wird heute in der Überzahl geforscht, was den Blick des Einzelnen auf das Ganze fast unmöglich macht und längst gibt es Computer, die mit „neuronalen Netzwerken“ ausgestattet eigenständig lernen. Immer stellt er die Frage nach dem Segen oder Fluch des technischen Fortschritts. So weiß er von der innovativen Steuerung der Augen, dem Eye-Tracking, und seiner sinnvollen Anwendungsbereiche zu berichten und auch, wie Parkinson im Frühstadium anhand von Stimmaufnahmen erkannt werden kann. Menschliche Stimmen können synthetisch täuschend echt nachgebildet oder übertroffen werden, wobei die Entwicklung der letzten vierzig Jahre auf diesem Sektor einer kritischen Betrachtung unterzogen wird.

Auf Anfrage lässt sich der Autor zu einem Experiment überreden, das sämtliche Gespräche in seiner direkten Umgebung sowie sein Bewegungsprofil aufzeichnet, was ihm nach Aushändigung der Protokolle nachdenklich stimmt. Er wechselt thematisch zu den Profiten, die Versicherungen mit der Angst ihrer Klienten machen, da kaum noch jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, und er plädiert für die Erhaltung unserer Kulturgüter. Dass die Fernsehwelt nur noch von Quoten diktiert wird, beklagt er ebenso wie auch eine nicht mehr zu finanzierende, gute und vor allem kritische Recherche von Journalisten. Weiter schreibt er über die Evolutionstheorie, Tierversuche, Klonexperimente, Stammzellenforschung und Gentechnik, bei der trotz vielerlei Bedenken die Vorteile für die Medizin nicht wegzudiskutieren sind. Auch enthält er dem Leser nicht die Bemühungen vor, ewiges Leben zu erlangen, wobei er sich eine sarkastische Bemerkung nicht verkneifen kann. Was die von ihm geforderte Reformation des Bildungssystems anbelangt, dürfte er vielen leidgeprüften Schülern aus der Seele sprechen.

Ranga Yogeshwar spricht in seinem Buch Nächste Ausfahrt Zukunft eine erstaunliche Themenvielfalt an, gibt dabei Denkanstöße und wirft Fragen von grundsätzlicher Bedeutung auf. Gedanken über künstliche Intelligenz stehen der Menschenwürde entgegen und es ist unverkennbar, dass er mit offenen Augen durch die Welt geht und einfach vieles hinterfragt. Als Kind in Indien aufgewachsen, vermittelt er Interessantes über das Leben in dem Land, über das Zusammenleben verschiedener Kulturen und die Rolle der Frau, wobei er auch deren Unterdrückung im Allgemeinen aufgreift. Bei allem beherrscht er auf unvergleichliche Weise die Gratwanderung von fundierter Wissensvermittlung mit allgemein bekannten Beispielen aus dem Alltag und spricht freimütig eigene Wünsche an. Er nimmt sich sogar die Freiheit, sich über Kollegen lustig zu machen, die Laien etwas in für sie unverständlichen Worten erklären. Gelegentlich schlägt er einen amüsanten Ton an, macht satirische Einlagen, wird ironisch oder gibt Kurioses zum Besten. Den umfangreichen Anmerkungen ist zu entnehmen, dass es auch bei einem Insider wie Ranga Yogeshwar nicht ohne zeitraubende Recherche geht. Wenn die Menschen den Planeten Erde nicht völlig zerstören wollen und eine nach ihren Wünschen gestaltete Zukunft erhoffen, so sein Credo, müssen sie auch die Weichen stellen. Das Buch liefert dazu zielgerichtete Anregungen und ist „gut so“, um mit den Worten des Autors abzuschließen, über den man ganz nebenbei auch noch einiges erfährt.

Ranga Yogeshwar, Nächste Ausfahrt Zukunft, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2017, Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten, ISBN 978-3-462-05113-1, Preis: 22,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

1 Kommentar

  1. Vielleicht sollte man den Fortschritt mal aus EINER ganz ANDEREN Sicht betrachten, denn was die “Experten“ so von sich geben, lässt in der Regel Wesentliches vermissen. Wie gut zu wissen, dass hinsichtlich des Fortschritts die WAHRHEIT endlich raus ist: http://guidovobig.com/2017/11/19/die-wahrheit-ist-raus/

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