Eltern, deren Kinder an ADHS leiden, einer Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung, die durchaus auch noch Erwachsene betreffen kann, haben es nicht leicht und sind nicht zu beneiden. Die Betroffenen selbst leiden unter der bei ihnen gestörten Weiterleitung von Signalen zwischen den Nervenzellen. Anna Maria Sanders, bei deren Sohn ADHS diagnostiziert wurde, ist es ein Anliegen, mit einigen diesbezüglichen Vorurteilen aufzuräumen und hat deshalb das Sachbuch Ich dreh gleich durch! geschrieben. Zunächst nennt sie Zahlen und Fakten zu diesem häufigsten kinderpsychiatrischen Krankheitsbild, bei dem die Ärzte zunehmend Medikamente verordnen. Sie geht auf die Ursachen nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand ein, bevor sie eine imaginäre Familie mit einem an ADHS erkrankten Kind in Form von Tagebucheinträgen zu Wort kommen lässt:

Der elfeinhalbjährige Max Bergmann besucht die erste Klasse eines Gymnasiums und schreibt in sein Tagebuch, das er am 1. Weihnachtstag 2014 bekommen hat, wie ungerecht er sich häufig behandelt fühlt. Als er mit seinen Eltern und seinem Bruder in den Skiurlaub fährt, kommt es am Skilift zu allerhand Pannen. Das Säubern der Tafel endet in der Schule mit einer Katastrophe. Nur einmal kann sich Max als Ersthelfer beweisen, womit er seine Lehrer überrascht, da er ihnen sonst nur Ärger bereitet. Denn beim Verkehrssicherheitstraining achtet er nicht auf die Schulung, sondern beobachtet lieber Feuerwanzen, woraus sich ein Drama entwickelt. Schließlich nimmt ihn sein Vater mit an einen Angelteich, doch der wegen eines Gipsbeins an Krücken gehende Max sorgt auch hier unfreiwillig für ein weiteres Unglück.

Die Tagebuchaufzeichnungen von Max reichen bis zu den bevorstehenden Ferien im Sommer 2015 und werden unterbrochen von Aufzeichnungen seiner Eltern, der Lehrer, einer Tante, seines Bruders sowie Opas, die den Alltag und die Katastrophen jeweils aus ihrer Sicht schildern. Für sie stellen sich alle Vorkommnisse natürlich ganz anders dar. Erst wenn die Mutter ihren Sohn zur Rede stellt, erfährt sie die so wichtige Vorgeschichte und die Beweggründe von Max, die damit ein völlig anderes Licht auf die jeweilige Situation werfen.

Anna Maria Sanders hat zur Aufklärung über ADHS einen sehr interessanten Weg gewählt, indem sie die Thematik unterhaltsam präsentiert. Wie Max seine dauernden Missgeschicke schildert, wirkt auf den Leser höchst amüsant, und so ganz nebenbei wird ihm in fachlich ergänzender, kleiner gedruckten Schriftart umfangreiches Wissen zu dieser Störung vermittelt. Es wird deutlich, dass ein unter ADHS erkranktes Kind ein von den Erwachsenen ausgesprochenes Verbot anders versteht, als sie es gemeint haben, sofern sie es nicht ganz klar umreißen. Klare Regeln und angekündigte Konsequenzen, gepaart mit ganz viel Liebe, sind bei diesen Kindern wichtig, was in einer autoritativen Erziehung zum Tragen kommt.

Mit ihrem Sachbuch Ich dreh gleich durch!, dem eine umfangreiche Literaturliste angefügt ist, will Anna Maria Sanders allen Betroffenen Mut machen. Aus eigener Erfahrung weiß sie um die Schwächen, aber auch Stärken der an ADHS leidenden Kinder. Ihr Buch ist eine gelungene Kombination von Wissensvermittlung und locker-leichter Lektüre, die sich sowohl an Jugendliche, als auch Erwachsene richtet, wobei nicht nur betroffene Eltern daraus einen Nutzen ziehen sollten, sondern ganz besonders auch Pädagogen in Kindergärten und Schulen.

Anna Maria Sanders, Ich dreh gleich durch!, Gütersloher Verlagshaus 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten, ISBN 978-3-579-08633-0, Preis: 18,99 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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