Joanna Stafford erhält im Jahr 1540 von ihrem Cousin König Heinrich VIII den Befehl, nach Whitehall-Palast zu kommen, um für ihn einen Bildteppich anzufertigen. Gleich nach ihrer Ankunft im Palast wird sie von einem mutmaßlichen Pagen in einen Hinterhalt gelockt. Joanna kann sich befreien und ist froh, als ihr Thomas Culpeper zu Hilfe eilt. Doch die frühere Novizin, deren Kloster in Dartford wie alle anderen Klöster des Landes vom König aufgelöst wurde, wird den Verdacht nicht los, weiterhin verfolgt zu werden. Irgendjemand trachtet ihr nach dem Leben, oder noch schlimmer, will sie in seine Gewalt bringen.

Nachdem Joanna vom König zur Tapisseriemeisterin am Hof ernannt wurde, ist sie darüber erstaunt, dass ihre Freundin und Hofdame Catherine Howard auf dem Bildteppich dargestellt werden soll, denn immerhin ist Heinrich VIII in vierter Ehe mit Anna von Kleve verheiratet. Das kann nur bedeuten, dass er Catherine zu seiner Mätresse machen will und der Herzog von Norfolk wieder einmal seine Hände als Kuppler im Spiel hatte. Doch so sehr sich Joanna auch um ihre Freundin sorgt, beschäftigt sie ein heimlich belauschtes Gespräch: Wie es scheint, plant ihr Beschützer Thomas Culpeper mit ihrem Cousin Graf von Surrey und Sir Walter Hungerford irgend etwas, wobei immer wieder der Name eines gewissen Agrippa auftaucht, der sich mit Magie beschäftigt.

In London trifft Joanna auch Constable Geoffrey Scovill wieder, der sie einst heiraten wollte und aus Eifersucht ihre Heirat mit dem nunmehr schon über ein halbes Jahr verschwundenen Edmund Sommerville verhindert hat. Ein Freund von Edmund beauftragt schließlich Geoffrey, ihn zu suchen, und da Edmund seit der geplatzten Hochzeit ein schlechtes Gewissen plagt, stimmt er dem Auftrag zu. Mit Joanna, die vorgibt, nach Brüssel ins Zentrum der Bildwirkerei zu reisen, bricht Geoffrey nach Salzburg auf, wohin es den opiumabhängigen Edmund zum Arzt Paracelsus verschlagen haben soll. Der Constable lässt Joanna nicht mehr aus den Augen und fürchtet um ihr Leben, zumal der Page immer noch nicht gefunden wurde, der sie bei ihrer Ankunft im Palast in einen Hinterhalt gelockt hat.

Für gewöhnlich beginnt ein historischer Roman mit einer spannenden Szene, die beim Leser sofort die Neugier auf den Fortgang der Handlung wecken soll. Es ist schade, dass Nancy Bilyeau das im letzten Teil ihrer Trilogie Der Gobelin des Königs nicht umzusetzen vermochte, obwohl sie umfangreiche und exakte Recherchen betrieben hat, was die rund 26 Kilometer von London gelegene Stadt Dartford betrifft oder auch die Verwandtschaftsverhältnisse der Königshäuser zu einer Zeit, als reichlich Köpfe, im wahrsten Sinne des Wortes, rollten und Intrigen und Verrat an der Tagesordnung waren.

Historiker werden den Roman wohl weniger zu schätzen wissen, da sie das Catherine Howard bevorstehende Schicksal und das einiger weiterer historisch belegter Personen bereits kennen, während Liebhaber historischer Romane in erster Linie nur gut unterhalten werden wollen und sich nicht erst bis zur Buchmitte „durchbeißen“ werden, bis der Plot endlich in Fahrt kommt und ihr Interesse geweckt wird. Ungewöhnlich für eine Frau der damaligen Zeit ist auch, dass Joanna die Technik des Augenausstechens gekannt haben soll, die heute in Selbstverteidigungskursen gelehrt wird. So spannend sich dann auch die zweite Hälfte des historischen Romans Der Gobelin des Königs liest, so abrupt ist sein Ende. Offensichtlich hat sich die Autorin nicht die Zeit für einen angemessenen Schluss genommen.

Nancy Bilyeau, Der Gobelin des Königs, Deutscher Taschenbuch Verlag 2016, Taschenbuch, 462 Seiten, ISBN 978-3-423-26103-6, Preis: 16,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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