Unmittelbar zu Beginn des Zweiten Weltkrieges meldet sich die aus begütertem Hause stammende achtzehnjährige Mary North als Freiwillige beim Kriegsministerium. Zu ihrer Enttäuschung wird sie nur als Lehrerin eingesetzt und soll Kinder aus Sorge vor möglichen Luftangriffen auf London evakuieren. Doch nach Meinung der Schulleiterin behandelt sie die Kinder zu gut und darf nicht mit aufs Land reisen. Mit ihr bleiben Behinderte und Farbige zurück, darunter der Junge Zachary, der als „Nigger“ nichts zählt. Mary fühlt sich besonders für ihn verantwortlich und will die zurückgebliebenen Kinder weiter unterrichten. Sie sucht die Schulbehörde auf und bittet den Leiter Tom Shaw um Erlaubnis.

Mary wird die Geliebte von Tom und möchte ihre Freundin Hilda mit seinem Mitbewohner Alistair Heath verkuppeln. Die beiden Frauen bergen bei den immer stärker werdenden Luftangriffen die Verletzten und begeben sich in Lebensgefahr. Der Krieg verändert alle und überschattet auch Die Liebe in diesen Zeiten. Alistair meldet sich freiwillig an die Front. Nach einem kurzen Heimaturlaub empfinden Mary und Alistair, die nichts vom Lauf des Schicksals ahnen, starke Gefühle füreinander.

Der Roman Die Liebe in diesen Zeiten schildert die Kriegsereignisse aus der Sicht der Engländer. Sie haben zwar Evakuierungen angeordnet, doch tatsächlich nicht an eine Bombardierung von London geglaubt oder gar an einen lange währenden Krieg. Der Autor hat die Geschichte seiner eigenen Großeltern als Vorlage für den Roman verwendet und somit die von 1940 bis 1942 andauernde Seeblockade Maltas sehr authentisch beschrieben. Am Beispiel von Alistair Heath, der im Roman zunächst von den Italienern, später von den Deutschen bombardiert wurde, zeigt er die aussichtslose Lage der dort lebenden Menschen auf, die unter argem Hunger litten und dem sich mit Fallschirmen nähernden Feind ausgeliefert waren. Seine Protagonistin charakterisiert er als aufmüpfige, selbstbewusste und couragierte junge Frau, die ihrem Gewissen folgt. Obwohl sie zu Hause von Bediensteten umgeben ist und ein privilegiertes Leben führen könnte, widersetzt sie sich den Wünschen ihrer Mutter und kämpft für Gerechtigkeit. Sie setzt sich für die von der Gesellschaft als minderwertig eingestuften „Nigger“ ein und äußert ihre Kritik sogar öffentlich.

Wenn Chris Cleave auch im Gespräch der beiden jungen Frauen Mary und Hilda einen amüsanten Ton anschlägt, so verleiht er der Dramatik mit treffenden Worten wie „zornige Dunkelheit“ oder Vergleichen von „Betten, die auf die Straße Daunen weinten“ Ausdruck. Nur dem aufmerksamen Leser erschließen sich die Bedeutungen seiner teils eigenwilligen Umschreibungen. Immer wieder überrascht der Autor mit sinnvollen Sprüchen, die er in die Handlung einfließen lässt oder auch mit plötzlichen, schockierenden Ereignissen. Kontinuierlich behält er eine sehr bildhafte Sprache bei. Kriegserlebnisse schildert er scheinbar sachlich und distanziert, was eigentlich im Widerspruch dazu steht, dass die Wirkung auf den Leser umso eindringlicher und nachhaltiger ist. Als Erklärung kann hierfür nur das schriftstellerische Können des Autors herangezogen werden. Der Roman Die Liebe in diesen Zeiten von Chris Cleave macht die Veränderungen der Menschen während eines Krieges deutlich, hinterfragt den Einfluss auf ihr Gewissen und ihren Egoismus, doch klammert er weder das Thema Freundschaft, noch die Liebe aus.

Chris Cleave, Die Liebe in diesen Zeiten, Deutscher Taschenbuch Verlag 2017, Klappenbroschur, 495 Seiten, ISBN 978-3-423-26140-1, Preis: 16,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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