Tim Feldmann lebt mit Lisa und den beiden Wellensittichen Thorsten und Bernadette in Bottrop. Nach dem Abbruch seines Studiums hat er vor zwei Jahren die Kneipe Schluckspecht gekauft, in der er mit seinen Freunden Schlütti, Knolle, Micha und Lars jeden Freitag kegelt. Doch mit nur zwei weiteren Stammgästen läuft die Kneipe nicht wie erhofft, und das Paar muss von seinen Ersparnissen leben.

Tim hat aber nicht nur mit Geldsorgen zu kämpfen, sondern bekommt Ärger mit Mustafa Orgun, dem Besitzer eines weiteren Lokals. Nicht genug, dass der ihm das Leben schwer macht, erhält Lisa auch noch ein Jobangebot, das einen Umzug nach München notwendig machen würde. Für Tim gibt es kaum etwas Schlimmeres und allein die Vorstellung, nicht nur zum Biertrinken auf dem Oktoberfest, sondern zum Leben nach München zu müssen, bereitet ihm die allergrößten Sorgen. Andererseits will er Lisa auf keinen Fall verlieren. Zum Glück hat seine Bardame Jutta mit Kommando Schluckspecht einen genialen Einfall, auch wenn Tim dabei seinen besten Freund Schlütti von einer Brücke in den Rhein schubsen muss.

Sämtliche Charaktere in dem Roman von Tobias Keller wirken authentisch, wobei das in besonderem Maße auf die Bardame Jutta zutrifft, die ein „Ruhrpott-Original“ ist und natürlich den Protagonisten Tim selbst, der dem Leser im Laufe der Handlung immer sympathischer wird, obwohl er sich seiner geliebten Lisa gegenüber nicht korrekt verhält. Aber das verzeiht man ihm gerne, da er doch nur wieder Pech mit dem Timing hat oder er seine Freundin nicht verletzen will. Wenn er sich wie bei einem Einkauf überfordert zeigt und vergebens auf Hilfe hofft, werden ihn weibliche Leser schmunzelnd bedauern, die männlichen werden ihm dagegen eher Verständnis entgegen bringen.

Der Autor hat die Vorzüge, wie auch die Nachteile eines Lebens in München thematisiert und jenes im Ruhrgebiet gegenübergestellt: So ist das auf einer Bergehalde in Bottrop errichtete und im Buch erwähnte Alpincenter mit 640 Metern Pistenlänge tatsächlich die längste Skihalle der Welt. Ebenfalls auf einer Halde, die aus Abbauprodukten des Kohlebergbaus besteht, gibt es die weithin sichtbare Aussichtspyramide Tetraeder, und Kirchhellen wurde vermutlich erst mit der Eröffnung des Movie-Parks im Jahr 1996 über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Tobias Keller lässt aber auch den Gestank der einstigen „Köttelbecke“ nicht unerwähnt, obwohl sich die Emscher neuerdings einer aufwändigen Renaturierung erfreut. Außerdem macht er auf in Konkurs gegangene Geschäfte aufmerksam, die Leerstände oder überhand nehmende Ein-Euro-Läden in den Innenstädten zur Folge haben.

Tobias Keller baut in seinem Roman Kommando Schluckspecht eine kontinuierlich steigende Spannungskurve auf. Immer dann, wenn der Leser meint, dass es für Tim nicht mehr schlimmer kommen kann, setzt der Autor „noch eins obendrauf“, was ihm in amüsanten Dialogen zwischen Tim und Lisa bestens gelungen ist. Vornehmlich die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen wird sich mit den Handlungspersonen identifizieren und Gefallen an den witzigen sowie intelligenten Sprüchen finden, die niemals ins Geschmacklose abdriften. Damit bietet die Lektüre beste Unterhaltung für Leser beiderlei Geschlechts, oder um mit Schlüttis Worten zu schließen: Der Roman steht für exorbitant gute Laune!

Tobias Keller, Kommando Schluckspecht, Deutscher Taschenbuch Verlag 2017, Taschenbuch, 300 Seiten, ISBN 978-3423-21686-9, Preis: 9,95 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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